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Notizen aus hohen Breiten

Der Sermeq Kujalleq und der Kangia-Fjord: Grönlands wichtigste Eisberg-Wiege

11. August 2026 · von Andreas Umbreit
Der Sermeq Kujalleq und der Kangia-Fjord: Grönlands wichtigste Eisberg-Wiege
© Andreas Umbreit

Gleich mehrere Reisen der CAPE RACE in Grönland beginnen oder/und enden in Ilulissat (dänisch: Jakobshavn), das nur wenige Kilometer nördlich des Kangia Fjords (Ilulissat Eisfjord) liegt. Ca. 60 km östlich von Ilulissat bricht der Sermeq Kujalleq als produktivster Gletscher ganz Grönlands in den Kangia Fjord ab.

Da ein Unterwasserrücken bogenartig in der Mündung des Fjords in die Diskobucht liegt, bleiben die größeren von der Gletscherfront abgekalbten Eisberge auf ihrem Weg aus dem Fjord hinaus an dieser Barriere zunächst hängen, bis sie durch Zerbrechen oder/und Abtauen geringeren Tiefgang haben und dann hinaus in die Diskobucht treiben können. Aus diesem Grund ist der Kangiafjord über die 60 Kilometer von der Barriere bis zur gegenüber 1850 (Ende der Kleinen Eiszeit) um über 40 km fjordeinwärts zurückgewichenen Gletscherfront größtenteils mit den sich stauenden großen Eisbergen und kleinerem Eis gefüllt – ein gewaltiges Naturphänomen. Der Gletscher ist das bedeutendste Auslassventil des grönländischen Inlandeises, von dem ca. 6,5 % das Einzugsgebiet des Gletschers bilden.

Der grönländische Name Sermeq Kujalleq (Südlicher Gletscher) ist im Grunde nur eine Lagebeschreibung aus der Perspektive von Ilulissat und findet sich mehrfach auf der Landkarte Grönlands, unter anderem gibt es sogar einen weiteren (und ebenfalls ziemlich produktiven) Sermeq Kujalleq in der äußersten Nordostecke der Diskobucht, wo zwei mächtige Gletscher in den dortigen meist ebenfalls stark von Eisbergen blockierten Fjord münden. Im Juli 2026 gelang es uns mit der CAPE RACE erstmals, uns diesem nördlichen Zwillingsbruder des Ilulissater Sermeq Kujalleq dank ungewöhnlich günstiger Eisbedingungen durch trotzdem oft dichtes Treibeis bis auf wenige Kilometer zu nähern.

Im Kangia Fjord hingegen ist das für größere Schiffe praktisch ausgeschlossen: zu dicht drängt sich dort das Eis, einschließlich der teils gigantischen Eisberge, von denen ein respektvoller Abstand zu halten ist, da sie jederzeit auseinanderbrechen können, was mit weit herumfliegenden Eisbrocken, aus der Tiefe nach oben kommenden Eisausläufern und eisdurchsetzten Flutwellen verbunden ist, in die man mit einem Schiff und Menschen nicht geraten sollte. Und selbst wenn ein Befahren durch die Eismassen möglich wäre, würde dies ein Hindurchdrängeln in Schleichfahrt über mehrere Tage erfordern, um die in Luftlinie 60 Kilometer von der Mündung bis zur Gletscherfront zu bewältigen. Mit weniger Aufwand verbunden und weitaus sicherer ist es, sich stattdessen zwischen den Eisbergen zu bewegen, die es, kleiner geworden, über die blockierende Unterwasserschwelle hinaus geschafft haben und deren Formenvielfalt und immer noch gewaltigen Dimensionen zu erleben.

Luftbild der engsten Stelle des eisbedeckten Kangiafjords, immer noch sieben Kilometer breit
Blick von Westen auf den innersten Teil des eisbedeckten Fjordes im Bereich seiner schmalsten Stelle, wo er immer noch eine Breite von ca. 7 Kilometern hat – ein kleines rotes Strichlein, in das Foto eingefügt, vermittelt eine Ahnung, wie klein die CAPE RACE in dieser schwimmenden Eiswüste ungefähr wäre.Foto: Andreas Umbreit

Wendige kleine einheimische Boote bieten teilweise Besichtigungsfahrten auch ein Stück über die Unterwasserschwelle hinein in den Kangia-Fjord an – und ansonsten gibt es die populäre Wanderung von Ilulissat aus am Gletschermuseum vorbei auf einem komfortablen Plankensteg auf die Felsformationen über dem Kangiafjord, für die seit 2025 eine Eintrittsgebühr von 100 dänischen Kronen (ca. 13 €) an einem Ticketautomaten zu bezahlen ist. Von den Felsen aus hat man einen spektakulären Blick auf die den Fjord bedeckenden Eisgiganten (Tipp: abends ist das Licht hier oft günstiger als im Gegenlicht der Mittagssonne) und kann zwischen mehreren Varianten wählen: am bequemsten auf demselben Plankensteg zurück, alternativ aber auch längere Rundrouten auf markierten Geländepfaden überwiegend über felsiges Gelände.

Blick von der Wanderroute bei Ilulissat auf die Eisberge im Kangiafjord
Blick von der Wanderroute ab Ilulissat auf ein paar der im Fjord ruhenden Eisberge.Foto: Andreas Umbreit

Der Kangiafjord samt seiner Ränder ist seit ein paar Jahren eine von den drei UNESCO-Welterbestätten in Grönland.

Dicht gedrängtes Eis und Eisberge im Kangiafjord aus dem Flugzeug
Blick vom Flugzeug auf dicht gedrängtes Eis und Eisberge im Kangia Fjord.Foto: Andreas Umbreit

Insbesondere in der südlichen Diskobucht begegnet man auch weit draußen immer wieder den Giganten des Ilulissater Sermeq Kujalleq, während die Eisberge in der nördlichen Diskobucht eher von den Gletschern in den nordöstlichen Seitenfjorden stammen. Bis all diese Eisriesen abgeschmolzen sind, dauert es meist Jahre, in denen sie mit Meeresströmungen und Wind weite Strecken zurücklegen: der TITANIC-Eisberg kam mit hoher Wahrscheinlichkeit aus der Diskobucht.

Der Kangiafjord und sein großer Gletscher mit der Front tief im Fjordinneren lassen sich alternativ auch aus der Luft erleben – entweder mittels eines Rundflugs mit einem Kleinflugzeug (ca. 3000 DKK pro Person) oder Hubschrauber vom Flughafen Ilulissat aus, oder mit etwas Glück quasi als kostenlosem Zusatzbonus beim Hinflug zur oder Rückflug von der CAPE RACE bei in Ilulissat beginnenden oder/und endenden Fahrten, sofern keine tiefen Wolken die Sicht verhindern, man einen Fensterplatz hat und der Pilot einen entsprechenden Kurs wählt (was angesichts der Nähe des Fjordes zum Flughafen häufig der Fall ist).

Sommerliche Schmelzwasserseen auf dem grönländischen Inlandeis
Das Inlandeis mit sommerlichen Schmelzwasserseen (einer ist nach unten durch Spalten und Kanäle im Eis ausgelaufen) im Einzugsgebiet des Sermeq Kujalleq.Foto: Andreas Umbreit

Egal ob zu Fuß, per einheimischem Boot oder mit Luftfahrzeug: der Kangia Fjord mit seinem Gedränge gigantischer Eisberge, das zugehörige Gletschermuseum und übrigens auch die Stadt Ilulissat selbst mit ihrem Fischerhafen, Museum etc. können durchaus ein Grund sein, hier vor oder nach der Fahrt mit der CAPE RACE einen individuellen Zusatztag einzuplanen, was über Leguan Reisen hinsichtlich Unterkunft und entsprechend geänderten Flugdaten möglich ist.

Großes Kreuzfahrtschiff vor Ilulissat wirkt neben den Eisbergen klein
Die Eisberge, die es über die Schwelle hinaus in die Diskobucht bei Ilulissat geschafft haben, sind immer noch teils Giganten – wie hier der Größenvergleich mit einem größeren Kreuzfahrtschiff vor Ilulissat zeigt.Foto: Andreas Umbreit

Übrigens: es ist ein Fehler, Eisberge und Gletscher in Grönland mit der Diskobucht und dem Kangiafjord gleichzusetzen, auch wenn dieser der produktivste ist. Eisberge gibt es fast überall in Grönland – und Gletscher als ihren Ursprung ebenfalls, und diese in einer fast unendlichen Vielfalt. Mit der CAPE RACE steuern wir auf nahezu jeder Reise auch die eine oder andere Gletscherfront an (während dies im Kangiafjord, wie beschrieben, unmöglich ist), und ich bevorzuge hierbei oft Orte, die von anderen Schiffen kaum angesteuert werden, während man in Ilulissat und Umgebung inzwischen durchaus auch mit einigem anderen Tourismus rechnen muss. In den ersten 8 Wochen der Grönlandsaison 2026 (dieser Artikel hier entstand Ende Juli) sind wir abseits der Start- und Zielhäfen dank entsprechender Zielauswahl nur an einem einzigen Zielpunkt ein einziges Mal einem anderen Kreuzfahrtschiff (und dies mit mehreren Kilometern Abstand) begegnet, und dies nicht durch Vermeidung oder Absprachen, sondern weil wir Punkte ansteuern, die zu einem guten Teil keine Standardziele sind. Ein bisschen nehmen wir die Bezeichnung „Expeditionskreuzfahrt" schon ernst.

Großer Eisberg mit Torbogen in der südlichen Diskobucht
Eisberge aus dem Eisfjord weiter draußen in der südlichen Diskobucht vom Deck der CAPE RACE.Foto: Andreas Umbreit

Der Sermeq Kujalleq in Zahlen

Entfernung von Ilulissatca. 60 km
Breite der Kalbefrontca. 11 km
Rückzug seit 1850über 40 km fjordeinwärts
Anteil am Inlandeisca. 6,5 % Einzugsgebiet
Breite des Fjords an der engsten Stelleca. 7 km
Schutzstatuseine von drei UNESCO-Welterbestätten Grönlands

Warum kann kein Kreuzfahrtschiff zum Gletscher fahren?

Aus zwei Gründen, die Andreas Umbreit oben beschreibt. Erstens die Dichte des Eises: Der Fjord ist über 60 Kilometer mit gestauten Eisbergen gefüllt. Zweitens die Gefahr: Eisberge dieser Größe können jederzeit auseinanderbrechen — mit weit fliegenden Eisbrocken, aus der Tiefe hochkommenden Eisausläufern und eisdurchsetzten Flutwellen.

Selbst wenn ein Durchkommen möglich wäre, bräuchte man dafür mehrere Tage in Schleichfahrt. Wer also eine Reise sucht, die „bis an den Jakobshavn-Gletscher" führt, wird sie nicht finden — es gibt sie nicht.

Woher kommen die Eisberge in der Diskobucht?

Es hängt davon ab, wo man steht. In der südlichen Diskobucht begegnet man auch weit draußen den Giganten des Ilulissater Sermeq Kujalleq. Die Eisberge in der nördlichen Diskobucht stammen dagegen eher von den Gletschern in den nordöstlichen Seitenfjorden — darunter ein zweiter, ebenfalls sehr produktiver Sermeq Kujalleq, dem sich die CAPE RACE im Juli 2026 erstmals bis auf wenige Kilometer nähern konnte.

Bis diese Eisriesen abgeschmolzen sind, vergehen meist Jahre, in denen sie mit Strömung und Wind weite Strecken zurücklegen. Der Eisberg, an dem die TITANIC zerschellte, kam mit hoher Wahrscheinlichkeit aus der Diskobucht.

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Welche Route den Eisfjord streift und welche weiter abseits führt, sagen wir Ihnen gern — sprechen Sie uns an.

Text und alle Fotos: Andreas Umbreit, Expeditionsleiter, aufgenommen im Zusammenhang mit CAPE-RACE-Fahrten 2026. Der Beitrag entstand Ende Juli 2026.

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