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Notizen aus hohen Breiten

Timmiarmiut: Wie leer Grönlands Südostküste wirklich ist

31. August 2026 · von Leguan Reisen
Timmiarmiut: Wie leer Grönlands Südostküste wirklich ist
© Andreas Umbreit

Es gibt an Grönlands Küste einen Abschnitt, auf dem man tagelang fahren kann, ohne einem Menschen zu begegnen. Er liegt im Südosten, zwischen Narsarsuaq und Tasiilaq, und die meisten Grönlandreisen berühren ihn nie.

Im August 2026 fuhr die MS Cape Race diesen Abschnitt ab. Dieser Text handelt davon, was diese Leere in der Praxis bedeutet — und warum sie der eigentliche Grund ist, dort hinzufahren.

Wo Timmiarmiut liegt

Der Timmiarmiut-Fjord schneidet in die südostgrönländische Küste ein, mehrere hundert Kilometer von der nächsten bewohnten Siedlung entfernt. Es ist eine Küste aus Fels, Eis und Tundra, ohne Hafen, ohne Straße, ohne Flugplatz.

Wer hier fährt, ist auf das Schiff angewiesen — und auf das Wetter. Genau das macht den Unterschied zur Diskobucht an der Westküste, die über Ilulissat gut erreichbar ist und mehrere Orte hat.

Eisbär schwimmt zwischen Eisbrocken vor der südostgrönländischen Küste
Zwischen den Eisbrocken im Timmiarmiut-Fjord. Zur nächsten Siedlung sind es mehrere hundert Kilometer. © Andreas Umbreit

Was Leere in der Praxis bedeutet

Sie bedeutet zunächst: Man kann anhalten. Auf spiegelglattem Wasser zwischen Eisbergen schaltete Kapitän Mario den Motor aus, und was blieb, war das Knistern des Eises.

Fünfzig Meter querab schlief ein Buckelwal an der Oberfläche. Das Schiff trieb aus und kam seitlich von ihm zum Stillstand. Alle an Deck waren still. Expeditionsleiter Andreas Umbreit ließ seine Kamera in der Tasche — mit der Begründung, ein Foto vom knapp aus dem Wasser ragenden Rücken wäre nur ein fader Abklatsch des Erlebnisses.

Das ist der praktische Wert dieser Küste: Zeit, die niemand einfordert. Kein anderes Schiff wartet auf den Ankerplatz, kein Landgang steht unter Zeitdruck.

Einundzwanzig Sekunden von dieser Küste: drei Eisbären in zwei Tagen, aufgenommen zwischen Narsarsuaq und Tasiilaq. © Andreas Umbreit

Eisbären als Maßstab für Abgeschiedenheit

In dieselbe Stille rief der Guide: „Eisbär auf der anderen Schiffsseite!" Ein Tier schwamm zwischen den Eisbrocken, verschwand hinter einem Eisberg, tauchte wieder auf — und schwamm dann neugierig auf das Schiff zu.

Eisbär im Wasser mit direktem Blick zur Kamera
Erst vor dem Bug vorbei, dann neugierig heran. Nicht das Schiff näherte sich dem Tier, sondern umgekehrt. © Andreas Umbreit

Das ist in Grönland ungewöhnlich. Eisbären sind hier seltener und scheuer als in Spitzbergen, weil es eine begrenzte einheimische Jagd gibt; in Spitzbergen und der russischen Arktis stehen die Tiere seit dem Abkommen von 1973 unter vollständigem Schutz und haben ihre Scheu über Jahrzehnte verloren.

Am Folgetag kamen zwei weitere Bären dazu: ein extrem wohlgenährtes Tier auf einer Eisscholle nahe am Schiff, das nach kurzem Zögern ins Wasser stieg und ebenfalls herüberschwamm — und ein drittes an Land, aus größerer Entfernung.

Wohlgenährter Eisbär gähnt auf einer Eisscholle vor einer Felsküste
Tag zwei, auf einer Eisscholle nahe am Schiff. Ein wohlgenährtes Tier im Spätsommer sagt etwas über die Region aus. © Andreas Umbreit

Warum das Schiff beim dritten Bären abdrehte

Der dritte Bär bewegte sich von dem Schiff weg. Die Cape Race zog sich daraufhin ebenfalls zurück, weil das Ziel ist, Tiere in ihrem natürlichen Verhalten zu beobachten und nicht zu stressen.

Das ist keine Nebensächlichkeit, sondern der Grund, warum die beiden anderen Tiere überhaupt so nah kamen. An einer Küste, an der Bären selten Menschen begegnen, entscheidet das Verhalten des Schiffes darüber, was man zu sehen bekommt.

Wie man überhaupt an diese Küste kommt

Die Antwort erklärt die Leere. Zwischen den beiden Enden des Abschnitts liegen die einzigen Zugänge: Narsarsuaq im Süden und Kulusuk beziehungsweise Tasiilaq weiter nördlich. Dazwischen gibt es keinen Flugplatz und keine Straße.

Wer diesen Küstenabschnitt sehen will, muss ihn also am Stück fahren — von einem Ende zum anderen. Das ist der Grund, warum solche Routen zwei bis drei Wochen dauern und nicht als Wochenreise angeboten werden. Es gibt keinen Punkt in der Mitte, an dem man aussteigen könnte.

Für ein Schiff bedeutet das: Alles muss mit. Treibstoff, Proviant, Ersatzteile. Und es bedeutet, dass bei einem Wettersturz keine Ausweichbucht mit Infrastruktur in Reichweite liegt, sondern nur die nächste Bucht.

Das Eis vor der Küste

Die Südostküste liegt im Weg des Ostgrönlandstroms, der Meereis aus dem Arktischen Ozean an der Küste entlang nach Süden trägt. In manchen Jahren steht dieses Treibeis bis weit in den Sommer vor den Fjordmündungen.

Daraus folgt die Saison: Befahrbar wird der Abschnitt in der Regel im Spätsommer, wenn sich das Eis gelockert hat — grob von Ende Juli bis in den September. Im Juni und Juli ist die Westküste die verlässlichere Wahl.

Was im Reisebericht als Idylle klingt — spiegelglattes Wasser zwischen Eisbergen, das Schiff mit abgestellter Maschine — ist deshalb kein Normalzustand, sondern ein guter Tag. Die Route wird an dieser Küste täglich neu entschieden, und zwar nach Eislage und Dünung, nicht nach Programm.

Die Route: achtzehn Tage entlang der Südostküste

Die Begegnung fiel auf die Grönland-Expedition von Narsarsuaq nach Tasiilaq, vom 17. August bis 3. September 2026. Dieselbe Küste, in anderer Länge und Richtung, fahren die 21-tägige Expedition von Qaqortoq nach Kulusuk und die kürzere Ostgrönland-Expedition ab und bis Kulusuk im Sermilik-Fjord.

Wer sich zwischen Ost- und Westküste entscheidet, entscheidet zwischen zwei verschiedenen Reisen: Der Westen bietet Orte, Menschen und die großen Eisberge der Diskobucht. Der Osten bietet Leere. Eine weitere Übersicht über die verfügbaren Routen finden Sie unter Reisen.

Eisbär im Wasser mit weit aufgerissenem Maul
Ein Gähnen bedeutet beim Eisbären Unentschlossenheit — beobachtbar nur, wenn das Tier sich nicht bedroht fühlt. © Andreas Umbreit

Was man an dieser Küste nicht erwarten sollte

Planbarkeit. Anlandungen hängen von Wetter, Eislage und Dünung ab; die Route wird an Bord täglich neu entschieden. Wer eine feste Abfolge von Sehenswürdigkeiten sucht, ist an der Westküste besser aufgehoben.

Und Tiere. Eisbären lassen sich nicht buchen — drei in zwei Tagen sind auch für diese Küste ein Ausnahmefall.

Häufige Fragen zur Südostküste Grönlands

Wo liegt der Timmiarmiut-Fjord?

An der Südostküste Grönlands, auf dem Küstenabschnitt zwischen Narsarsuaq im Süden und Tasiilaq weiter nördlich. Es ist einer der am dünnsten besiedelten Abschnitte der grönländischen Küste; zur nächsten bewohnten Siedlung sind es mehrere hundert Kilometer.

Warum fahren so wenige Schiffe an Grönlands Südostküste?

Weil dort kaum Infrastruktur liegt. Es gibt keine Häfen für große Schiffe, keine Flughäfen in der Nähe und wenig Ausweichmöglichkeiten bei schlechtem Wetter. Der Abschnitt eignet sich für kleine Expeditionsschiffe mit Zodiacs, nicht für den regulären Kreuzfahrtbetrieb.

Wann ist die Südostküste Grönlands erreichbar?

Im Spätsommer, etwa von Ende Juli bis in den September. Davor liegt an dieser Küste oft noch dichtes Treibeis, das aus der Framstraße nach Süden verfrachtet wird.

Welche Tiere sieht man an der Südostküste?

Buckelwale, Robben und Seevögel gehören zum Alltag. Eisbären sind möglich, aber selten und nicht planbar — in Grönland sind sie scheuer als in Spitzbergen, weil es eine begrenzte einheimische Jagd gibt.

Was unterscheidet die Ostküste von der Diskobucht im Westen?

Die Diskobucht ist über Ilulissat gut erreichbar, hat mehrere Orte und ist touristisch erschlossen. Die Ostküste ist leerer, schwerer erreichbar und wetterabhängiger — dafür trifft man dort tagelang auf kein anderes Schiff.

Wie lange dauert eine Expedition entlang der Südostküste?

Die Fahrt von Narsarsuaq nach Tasiilaq nahm 2026 rund achtzehn Tage in Anspruch. Kürzere Routen konzentrieren sich auf einen Fjord, etwa den Sermilik-Fjord bei Kulusuk.

Die Notizen und alle Fotos stammen von Andreas Umbreit, Expeditionsleiter an Bord der MS Cape Race.

◆ Selbst fahren

Dieser BerichtMS CAPE RACE · 23.–24. August 2026 · Südostgrönland, Narsarsuaq–Tasiilaq

Diese Küste selbst fahren

Zwischen Narsarsuaq und Tasiilaq gibt es keinen Zugang. Wer den Abschnitt sehen will, fährt ihn am Stück — in zwei bis drei Wochen.

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