Diskobucht und Uummannaq: Zwei Julireisen mit der Cape Race
Zwischen dem 4. und dem 24. Juli 2026 fuhr die MS Cape Race zweimal dieselbe Route: von Ilulissat nordwärts in das Fjordsystem von Uummannaq und zurück in die Diskobucht. Zwei Reisen, zehn Tage auseinander, beide unter Expeditionsleiter Andreas Umbreit.
Aus beiden Fahrten liegen Bordbücher vor. Dieser Bericht führt sie zusammen — nicht als Werbetext, sondern als Bestandsaufnahme dessen, was diese Route zeigt: verlassene Siedlungen, bewohnte Dörfer mit weniger als dreißig Menschen, Gletscherfronten, die kalben, und eine Küste, die stellenweise bis heute kaum kartiert ist.
Der Anfang: Ilulissat und das Eis, das von dort kommt
Beide Reisen beginnen vor Ilulissat. Die Eisberge, zwischen denen das Schiff dort ankert, stammen fast alle vom Sermeq Kujalleq, dem Jakobshavn-Gletscher — einem der aktivsten Gletscher der Erde.
Er liegt am Ende des Ilulissat-Eisfjords, der zum UNESCO-Weltnaturerbe gehört, und entwässert rund sieben Prozent des grönländischen Inlandeises. Jedes Jahr gelangen mehrere zehn Milliarden Tonnen Eis von hier in die Diskobucht. Es sind die größten Eisberge der Nordhalbkugel.
Das Auslaufen ist deshalb kein Ablegen, sondern ein Slalom. Auf der zweiten Reise notiert das Bordbuch, das Schiff sei durch „das goldene, flach einfallende Licht der Mitternachtssonne" gefahren, begleitet von Eissturmvögeln, die die Luftströmungen um den Rumpf nutzten.
Qullissat: eine Stadt, die es nicht mehr gibt
Der erste Landgang der Julireise führte nach Qullissat, einer Bergbausiedlung, die seit den 1970er Jahren aufgegeben ist. Zwischen den verlassenen Gebäuden liegen die Spuren eines Tsunamis.
Was auffällt: Die Natur ist zurück. Schneehase und Schneehuhn leben zwischen den Ruinen, die Pflanzenwelt ist überraschend vielfältig. Qullissat war einmal einer der größten Orte Grönlands. Heute geht man dort auf eigene Faust umher und findet eine Stille, die schwer einzuordnen ist.
Die Dörfer: Niaqornat, Qaarsut, Uummannaq
Niaqornat — weniger als dreißig Menschen
Niaqornat wurde durch die Dokumentation Das Dorf am Ende der Welt bekannt. Es lebt vom Heilbuttfang und von der Jagd auf Robben, Wale und — im Oktober und November — Narwale.
Auf der zweiten Reise lag am Strand der Kadaver eines Zwergwals, der am Vortag gefangen und zerlegt worden war. Das Fleisch war unter den neunzehn Jägern aufgeteilt worden, die an der Jagd beteiligt waren. Das Bordbuch hält fest, was daran bemerkenswert ist: ein Beleg dafür, dass die Subsistenzwirtschaft in Grönland bis heute fortbesteht.
Wer das für malerisch hält, sollte den zweiten Satz aus dem ersten Bordbuch danebenlegen: Trotz der idyllischen Lage lebt die Bevölkerung mit der ständigen Gefahr von Erdrutschen und Tsunamis.
Qaarsut — der Flughafen der Region
Rund 150 Menschen, bunt gestrichene Häuser, ein Schotterflugplatz. Qaarsut ist das Tor nach Uummannaq. Vom Höhenrücken oberhalb des Ortes öffnet sich der Blick über den Fjord, die Landebahn und die umliegenden Berge.
Uummannaq — der herzförmige Berg
Der Ort hat rund 1.300 Einwohner und lebt vom Heilbutt- und Garnelenfang. Seinen Namen verdankt er dem 1.170 Meter hohen Berg in Herzform, der über ihm steht: „Uummannaq" heißt auf Grönländisch „herzförmig".
Auf der ersten Reise blieb der Berg in den Wolken. Das kommt vor — und es ist eine der ehrlichsten Auskünfte, die ein Bordbuch geben kann. Museum und Kirche lohnen den Rundgang trotzdem.
Maarmorilik und die Black-Angel-Mine
Maarmorilik bedeutet „der Ort, an dem es Marmor gibt". Abgebaut wurde dort zuerst Marmor, später — zwischen 1970 und 1990 — Zink, Blei und Silber. Um 2010 lief die Mine kurz wieder an, seit 2015 ist der Ort unbewohnt. Eine Wiedereröffnung wird für etwa 2028 erwartet.
Das erste Bordbuch beschreibt den Besuch so: verlassene Gebäude, zurückgelassene Dokumente, moderne Maschinen — „als sei die Zeit stehen geblieben". Und im selben Atemzug: Es wird sichtbar, welche Umweltschäden der frühere Bergbau hinterlassen hat.
Auf der gegenüberliegenden Fjordseite erkennt man die Stollen im Berg und den markanten Felsen, nach dem die Mine benannt ist: den Black Angel.
Appat: 2.325 Tonnen Marmor
Wenige Kilometer entfernt liegt eine ältere, kleinere Grube an der Nordküste der Insel Appat, bei Qaqortuatsiaq — „weißer Ort". Zwischen 1933 und 1934 wurden von hier 2.325 Tonnen Marmor nach Dänemark exportiert. Dann war Schluss: Der Marmor aus mehr als sechs Metern Tiefe wies Qualitätsmängel auf, und man erschloss stattdessen Maarmorilik.
Die Buchten dazwischen
Zwischen den Dörfern und den Minen liegt der größere Teil dieser Reise: Anlandungen an Küsten ohne Namen auf der Karte, ohne Weg und ohne Hinweisschild.
Aasivik — eine Wüste am Meer
Die Küste ist von orangefarbenen und schwarzen magmatischen Gesteinen geprägt, die vom vulkanischen Ursprung der Region zeugen. Der Boden ist sandig, die Landschaft nahezu wüstenartig. Und trotzdem wächst dort etwas.
Das zweite Bordbuch führt es namentlich auf: Zwergweiden, Hahnenfuß, Leimkraut, Silberwurz und Weidenröschen. Dazu Schneeammern, deren Gesang die Anlandung begleitet, und Schneehasen, die bei Annäherung davonlaufen — 60 bis 80 Zentimeter lang, 2,5 bis 5 Kilogramm schwer.
Am Strand liegen eine alte Polarfuchsfalle und Steinkreise, die einst als Fundament für die Zelte der Inuit dienten. Vor der Küste treiben Eisberge aus der Diskobucht langsam Richtung Baffinbucht.
Passiliierfik — eine Küste ohne genaue Karte
Am Nachmittag desselben Tages fuhr das Schiff entlang einer noch wenig kartierten Küste weiter nach Norden. Dort ist die Vegetation dichter und bietet Alpenschneehühnern Lebensraum. Nach einer Wanderung über sehr unwegsames Gelände ging es mit den Zodiacs zu einer Vogelklippe, auf der Kormorane und Eismöwen nisten.
Auf der Weiterfahrt über spiegelglattes Wasser begleiteten Gruppen von Sattelrobben das Schiff.
Storøen und Saliaruseq — Gneis, Flechten und Mücken
Auf der Insel Saliaruseq wurde an einem Ufer mit Gneisaufschlüssen angelandet. Die vom Regen des Vortags feuchten Flechten machten den Untergrund ausgesprochen rutschig, und dichte Mückenschwärme begleiteten die ersten Schritte. Eine Gruppe umrundete einen See, die andere stieg auf einen Gipfel mit freiem Blick über die Uummannaq-Bucht.
Der Ostteil von Storøen ist wieder karg und wüstenartig, geprägt von ockerfarbenen Sedimenten. Dort wurde die Flechtenvegetation mit Handlupen untersucht — eine Beschäftigung, die zunächst speziell klingt und dann nicht mehr aufhört.
Iluaraa — weißer Sand und zwei Walskelette
Ein weißer Sandstrand, an dem magmatische Gesteine teils direkt auf Sedimentgesteinen aufliegen. Vom Hügel blickt man auf eine Kolonie von Kormoranen und Eismöwen, deren Geruch ihre Anwesenheit verrät, bevor man sie sieht.
Am Strand liegen Steinkreise früherer Inuit-Zeltplätze — und zwei Walskelette.
Itilliarsuk — Jagdhütten und die ersten Heidelbeeren
Am Strand stehen einige Jagdhütten. Die Wanderung führt durch dichte Teppiche aus Moosen und Flechten, und Ende Juli finden sich in der Tundra die ersten reifen Heidelbeeren.
Die Vogelfelsen
Zweimal steuerten die Reisen die Steilklippe Qingartarssuaq an, die sich rund 700 Meter über das Meer erhebt. Dort brüten vor allem Dreizehenmöwen, dazu Gryllteisten, Eissturmvögel und Eismöwen.
Das erste Bordbuch fasst es knapp: „Tausende Seevögel nutzen die steilen Felsen als Brutplatz und erfüllen die Luft mit ihren Rufen." Am selben Abend drehte sich ein großer Eisberg langsam neben dem Schiff — eine Bewegung, die man eher spürt als sieht.
Was an der Küste liegt
Die Landgänge zwischen den Dörfern sind der eigentliche Kern dieser Route. Was dabei gefunden wurde:
- Steinkreise, die einst als Fundament für die Zelte der Inuit dienten — an mehreren Stellen
- Alte Fuchsfallen, ebenfalls mehrfach, teils gut erhalten
- Wal- und Rentierskelette am Strand von Atanikerluk und in der Bucht von Iluaraa
- Steinmauern und Geweihe als Überreste früherer Rentierjagd
- Jagdhütten in der Bucht von Itilliarsuk
Dazu eine Küste, die stellenweise noch wenig kartiert ist — das steht so im Bordbuch der zweiten Reise, über den Abschnitt bei Passiliierfik.
Die Pflanzen- und Tierwelt im Juli
Beide Bordbücher führen sie auf. Bemerkenswert ist, wie viel in einer Landschaft wächst, die das zweite Bordbuch „nahezu wüstenartig" nennt:
Pflanzen: Zwergweiden, Hahnenfuß, Leimkraut, Silberwurz und Weidenröschen setzen Farbtupfer in den Sand. In der Tundra bei Itilliarsuk fanden sich Ende Juli die ersten reifen Heidelbeeren. Auf Storøen wurde die Flechtenvegetation mit Handlupen untersucht.
Landtiere: Schneehasen — das Bordbuch nennt sie präzise: 60 bis 80 Zentimeter lang, 2,5 bis 5 Kilogramm schwer. Dazu Alpenschneehühner und Schneeammern, deren Gesang die Anlandungen begleitet.
Im Wasser: Buckelwale an mehreren Tagen, Zwergwale, Sattelrobben in Gruppen. Vor Rødebay beobachtete die zweite Reise fast zwei Stunden lang zwei Buckelwale bei der Nahrungssuche.
An den Klippen: Dreizehenmöwen, Gryllteisten, Eissturmvögel, Eismöwen, Kormorane — und einmal ein Sterntaucher in der Ferne.
Zwei Filmorte auf einer Route
Die Bucht von Ataa war Drehort für Frau Smillas Gespür für Schnee. Vom Aussichtspunkt reicht der Blick über die Bucht bis zum Inlandeis.
Und Niaqornat, siehe oben, ist das Dorf aus Village at the End of the World. Das erste Bordbuch empfiehlt außerdem Palos Hochzeit — an Bord gezeigt, weil der Film das traditionelle Leben in Ostgrönland vermittelt.
Wie die Tage aussehen
Zwei Landgänge täglich, vormittags und nachmittags, dazwischen Fahrt. Das ist der Rhythmus, und er wird nur vom Eis und vom Wetter unterbrochen.
Was dazwischenliegt, steht ebenfalls in den Bordbüchern: eine Sauna, die in geschützten Buchten geöffnet wird. Waffeln am Nachmittag. Kühle Getränke aus gesammeltem Gletschereis. Eine Führung durch den Maschinenraum. Ein Barbecue an Deck. Und am letzten Abend Gedichte, ein Kreuzworträtsel und ein umgedichtetes Seemannslied.
Was an Bord erzählt wird
Beide Reisen hatten dasselbe Vortragsprogramm: Besiedlungsgeschichte Grönlands und Geografie und Arktis allgemein, dazu Kurzvorträge an Land und an Bord durch den Expeditionsleiter.
An Filmen liefen Camp Century — über die amerikanische Militärbasis unter dem grönländischen Eis — und Palos Hochzeit, der das traditionelle Leben in Ostgrönland zeigt. Die zweite Reise ergänzte ein Video über die wissenschaftliche Arbeit an Bord.
Das ist der Unterschied zwischen Sehen und Verstehen. Wer in Qullissat zwischen den leeren Häusern steht, ordnet den Ort anders ein, wenn er vorher gehört hat, wie und wann Grönland besiedelt wurde und was die dänische Umsiedlungspolitik der 1960er Jahre bedeutete.
Die Gletscher
Vier Gletscher spielen auf dieser Route eine Rolle, und keiner von ihnen ist garantiert erreichbar.
Der Store Glacier (Qarassap Sermia) wird direkt vom Inlandeis gespeist und zählt zu den am schnellsten fließenden Gletschern Grönlands: An der Kalbungsfront bewegt sich das Eis mit vier bis sieben Kilometern im Jahr. Die zweite Reise brauchte fünf Stunden bei einem Knoten durch dichtes Treibeis — und musste sieben Seemeilen vor der Front umkehren.
Der Perdlerfiup Sermia war dagegen nach anderthalb Stunden durch weitgehend eisfreies Wasser erreichbar. Seine Seitenmoräne zeigt, dass er früher deutlich weiter vorgestoßen war und vermutlich im Meer endete; heute ruht er über den größten Teil seiner Front auf Fels. Ein Teil der Gruppe ging dort auf glatt geschliffenem Gestein an Land, das noch vor wenigen Jahren unter Eis lag.
Im Fjord Alianaatsoq kalben Sermeq Avannarleq und Sermeq Kujalleq. Das Schiff näherte sich bis auf vier Seemeilen, stellte die Maschinen ab und trieb zwei Stunden lautlos, während der Gletscher donnerte und die Eisberge knisterten — eingeschlossene Luft, die entweicht.
Was die Route nicht verspricht
Sie verspricht keine Gletscherfront. Auf der ersten Reise blieb der Itilliarsuup Fjord unerreichbar — je weiter das Schiff hineinfuhr, desto dichter wurde das Eis. Am Tag darauf ein zweiter Versuch, diesmal am Nebel gescheitert.
Auf der zweiten Reise dauerte die Fahrt zum Store Glacier fünf Stunden bei einem Knoten, und dann war sieben Seemeilen vor der Front Schluss.
Beides sind keine Pannen, sondern die Bedingungen dieser Küste. Wer eine Fjordfahrt bis zur Kalbungskante als gesetzt erwartet, hat die Arktis falsch verstanden — und wer sie geschenkt bekommt, hat einen guten Tag erwischt.
Nach den Bordbüchern der MS Cape Race, Reisen vom 4. bis 14. und vom 14. bis 24. Juli 2026. Expeditionsleitung Andreas Umbreit, Texte Monika und Guillaume.
Von der Leguan-Redaktion
Diskobucht und Uummannaq – die häufigsten Fragen
Was sieht man auf einer Expeditionsreise in der Diskobucht?
Auf beiden Julireisen 2026 standen bewohnte Dörfer wie Niaqornat, Qaarsut und Uummannaq auf dem Programm, dazu verlassene Orte wie die Bergbausiedlung Qullissat und die Minensiedlung Maarmorilik, der rund 700 Meter hohe Vogelfelsen Qingartarssuaq sowie mehrere Gletscherfronten im Uummannaq-Fjordsystem.
Woher stammen die großen Eisberge vor Ilulissat?
Fast alle vom Sermeq Kujalleq, dem Jakobshavn-Gletscher am Ende des Ilulissat-Eisfjords. Er entwässert rund sieben Prozent des grönländischen Inlandeises; jährlich gelangen mehrere zehn Milliarden Tonnen Eis von dort in die Diskobucht. Der Eisfjord gehört zum UNESCO-Weltnaturerbe.
Wie groß ist Niaqornat und wovon lebt der Ort?
Niaqornat hat weniger als dreißig Einwohner und lebt vom Heilbuttfang sowie von der Jagd auf Robben, Wale und – im Oktober und November – Narwale. Bekannt wurde der Ort durch die Dokumentation „Village at the End of the World“ beziehungsweise „Das Dorf am Ende der Welt“.
Was hat es mit Maarmorilik und der Black-Angel-Mine auf sich?
Der Name bedeutet „der Ort, an dem es Marmor gibt“. Zwischen 1970 und 1990 wurden dort Zink, Blei und Silber gefördert, um 2010 lief die Mine kurz wieder an. Seit 2015 ist der Ort unbewohnt, eine Wiedereröffnung wird für etwa 2028 erwartet. Auf der gegenüberliegenden Fjordseite sind die Stollen und der namensgebende Felsen „Black Angel“ zu erkennen.
Welche Tiere sieht man im Juli?
Buckelwale an mehreren Tagen, dazu Zwergwale und Sattelrobben in Gruppen. An Land Schneehasen und Alpenschneehühner, Schneeammern begleiten die Anlandungen. An den Klippen brüten Dreizehenmöwen, Gryllteisten, Eissturmvögel, Eismöwen und Kormorane.
Warum heißt Uummannaq so?
Nach dem 1.170 Meter hohen Berg in Herzform über dem Ort – „Uummannaq“ bedeutet auf Grönländisch „herzförmig“. Der Ort hat rund 1.300 Einwohner und lebt vom Heilbutt- und Garnelenfang. Auf der ersten Julireise blieb der Berg allerdings in den Wolken.
Sind die Gletscherfronten garantiert erreichbar?
Nein. Auf der ersten Reise blieb der Itilliarsuup Fjord wegen dichten Treibeises unerreichbar, ein zweiter Versuch scheiterte am Nebel. Auf der zweiten Reise dauerte die Fahrt zum Store Glacier fünf Stunden bei einem Knoten und endete sieben Seemeilen vor der Front.
Was findet man bei den Landgängen abseits der Dörfer?
Steinkreise, die einst als Fundament für Inuit-Zelte dienten, alte Fuchsfallen, Wal- und Rentierskelette, Steinmauern und Geweihe als Überreste früherer Rentierjagd sowie Jagdhütten. Der Abschnitt bei Passiliierfik ist bis heute nur wenig kartiert.