Vorstoß zu den Gletschern im Nordosten der Diskobucht
Im Nordosten der Diskobucht liegen zwei große Gletscher, zu denen keine Tagesausflüge fahren — das Eis davor ist zu dicht. Die CAPE RACE nahm 2026 drei Anläufe: erst Umkehr bei zwanzig Kilometern, dann bei zehn, schließlich fünf Kilometer vor der Front. Gemessene Höhe der Abbruchkante: 140 Meter. Die Echolote fanden bei über 500 Metern keinen Grund.
Notizen aus hohen Breiten — von Expeditionsleiter Andreas Umbreit
Warum der berühmteste Gletscher Grönlands vom Wasser aus unerreichbar ist
Diskobucht in Grönland: das ist für viele geradezu das Synonym für Eisberge. Und als deren wichtigste Quelle ist der Gletscher Sermeq Kujalleq (früher: Jakobshavn Gletscher) am inneren Ende des Kangia-Fjords weithin bekannt (siehe unseren Beitrag hierzu), der mit einer zweistündigen Fußwanderung vom Zentrum von Ilulissat aus erreicht werden kann — einschließlich Blick auf die sich dort stauenden, teils gigantischen Eisberge.
Denn vor der Mündung des Kangia-Fjords in die Diskobucht liegt eine Unterwasserschwelle, an der die größten der aus dem Fjord kommenden Eisberge festsitzen, bis sie ausreichend zerbrochen oder abgetaut sind, um über dieses Hindernis hinwegtreiben zu können. Rund 60 Kilometer ist dieser Eisbergstau von der Schwelle bis zur Gletscherfront lang — und damit der Grund, dass sich diese sehr produktive Gletscherfront für die allermeisten Grönlandreisenden nur aus der Luft sehen lässt: mit etwas Glück von einem Linienflug nach (oder von) Ilulissat, oder mit einem teuren Sightseeingflug mit einer kleinen Propellermaschine oder einem Helikopter. Mit Schiffen oder Booten hingegen ist die Gletscherfront durch die sich davor stauenden Eisberge kaum erreichbar.
Warum der Ersatz nicht wirklich einer ist
Da dieser produktivste Gletscher sich der Annäherung zu Wasser also entzieht, werden von Ilulissat aus stattdessen gern Tagesfahrten zum nördlich gelegenen Eqip-Sermia-Gletscher angeboten, dessen Abbruchfront im Sommer häufig gut erreichbar ist — es gibt in seiner Nähe sogar eine buchbare Lodge mit Ferienhäusern samt Gletscherblick.
Allerdings: weder von seinen Dimensionen her noch hinsichtlich der abbrechenden Eisberge ist der Eqip Sermia auch nur annähernd mit dem Sermeq Kujalleq vergleichbar, denn vor seiner Front ist der Fjord weniger als 100 Meter tief — und das reicht bei weitem nicht für wirklich große Eisberge.
Die Physik dahinter: warum Eisberge Tiefe brauchen
Bekanntlich ragt bei Eis nur ein Zehntel bis ein Achtel über die Wasseroberfläche. Damit richtig große Eisberge entstehen können, die auch weit über die Wasseroberfläche ragen, ist folglich eine Gletscherfront erforderlich, die in mehr als 500 Meter tiefem Wasser endet. Wenn von einer solchen Gletscherfront dann ein Eisberg in einem Stück bis zum Meeresboden hinab abbricht, hat er die Chance, auch über Wasser noch hoch aufzuragen. Und wenn die Abbruchfront dann auch noch viele Kilometer breit ist, können da teilweise auch in der Breite richtige Giganten abkalben.
Noch größer können Tafeleisberge werden — aber für diese ist Voraussetzung, dass das Wasser so tief ist, dass die Gletscherfront nicht mehr auf dem Meeresboden ruht, sondern zu schwimmen beginnt und zu einem Schelfeis wird. Mit dem Rückgang der Gletscher gibt es derartige Schelfeise praktisch nur noch in der Antarktis.
Die Geburt eines Rieseneisbergs, 2025 am Store-Gletscher
Erstmalig konnten wir mit der CAPE RACE 2025 im innersten Uummannaq-Fjord am Store-Gletscher die Geburt eines Rieseneisbergs erleben — ein unglaubliches Erlebnis, beginnend mit einem dauerhaften tiefen Donnern, dessen Ursprung uns zunächst gar nicht klar war, da es lang anhaltend den ganzen Fjord erfüllte und zunächst nichts zu sehen war. Erst mit Verzögerung bemerkten wir dann, dass ein hunderte Meter langer Teil der Gletscherfront langsam auf uns zu kippte und dabei unglaubliche Wassermassen verdrängte (daher das Donnern).
Es war uns gelungen, bis auf gut einen Kilometer an die Front heranzukommen — und das erwies sich als gleichzeitig sehr angemessener Sicherheitsabstand, denn wenn eine solche 600 Meter hohe Eiswand (der größte Teil davon unter Wasser) abbricht, kann sie natürlich nur nach vorne kippen und schiebt dabei gleichzeitig all das Eis, das vorher schon vor der Gletscherfront lag, zusätzlich vor sich her, sodass mit riesiger Gewalt all dieses Eis in gut einem Kilometer vor dem Gletscher in abrupte Bewegung kommt, mit gleichzeitiger Welle, die zum Glück in einem so tiefen und relativ breiten Fjord keine sehr große Höhe erreichte. Aber trotzdem will man nicht in einem kleinen Schiff zwischen Eisberge geraten, die gerade plötzlich angeschoben wurden und zusätzlich von einer Welle bewegt werden. Insofern ist ein Abstand von mehr als einem Kilometer bei einem solchen Gletscher sehr angemessen.
Nun gelingt es nicht jedes Jahr, bis zum Store-Gletscher im Uummannaq-Fjord vorzustoßen, denn oft ist der Fjord davor zu voll mit Eis. Und außerdem bietet die CAPE RACE in der Grönlandsaison auch nur zwei Fahrten in den Uummannaq-Fjord an, auf denen das überhaupt denkbar wäre.
Zwei Gletscher auf der Karte, zu denen niemand fährt
Aber die grandiose Erfahrung von 2025 rief natürlich nach einem neuen Versuch — und gleichzeitig wussten wir, dass es auch in der nördlichen Diskobucht etliche riesige Eisberge gibt, die weder aus dem Kangia-Fjord bei Ilulissat stammen (falsche Richtung) noch vom Eqip-Sermia-Gletscher kommen konnten (Fjord für richtig große Eisberge nicht tief genug). Aber da finden sich auf der Karte ja noch zwei ziemlich große Gletscher im nordöstlichsten Seitenfjord der Diskobucht, und damit zumindest theoretisch im Fahrtgebiet nicht nur der Uummannaq-Touren, sondern auch der Fahrten in der Diskobucht.
Allerdings gibt es auch einen guten Grund, dass zu diesen beiden Gletschern eben keine Tagesfahrten von Ilulissat angeboten werden: Sie sind offenkundig sehr produktiv, und entsprechend viel Eis füllt den Fjord vor ihren Fronten über Dutzende von Kilometern. Und hier sprechen wir von Eis, bei dem auch eine hohe Eisklasse eines Schiffs nicht wirklich hilft: Selbst stärkste Eisbrecher sollten von wirklich großen Eisbergen respektvollen Abstand halten, um bei einer Drehung dieser Eismassen nicht unversehens von einem Unterwasserausläufer hochgehoben oder bei einem Zerbrechen mit hausgroßen Eistrümmern überschüttet zu werden.
2025 sahen wir jedenfalls anhand der Eiskarten und der Satellitenbilder keine Möglichkeit, mit der CAPE RACE auch nur einigermaßen in Sichtweite dieser beiden lockenden großen Gletscher zu gelangen.
Drei Anläufe in einer Saison
2026 allerdings war anders: zumindest in der frühen Saison gab es überraschend wenig Eis in den Fjorden und Sunden der nordöstlichen Diskobucht. Und so machten wir mehrere Anläufe in Richtung dieser beiden Gletscher. Im ersten Fall mussten wir schon im Abstand von ca. 20 Kilometern nach Westen abdrehen: zu viel Eis. Im zweiten Anlauf kamen wir immerhin auf ca. 10 Kilometer heran, bevor es zu schwierig (bzw. zu zeitaufwändig) wurde — aber die beiden Gletscher waren immerhin in der Ferne bereits sichtbar, und laut dem Register der AECO (Arctic Expedition Cruise Operators — Vereinigung der arktischen Expeditionskreuzfahrt-Veranstalter) war noch kein anderes Mitgliedsschiff in den Jahren seit Einführung des Registers hier so weit vorgedrungen.
Der dritte Anlauf, drei Tage vor Reiseschluss
Auf der letzten Uummannaq-Tour der Saison versuchten wir dann stattdessen eine Annäherung an den Store-Gletscher, kamen aber nicht so nah an diesen heran wie 2025. Also zurück in die Diskobucht, in Richtung Ilulissat, wo die Reise endete. Drei Tage vor Reiseschluss schaute ich mir abends nochmals die Satellitenbilder an, die an den vorherigen Tagen wegen Wolken unergiebig waren, um zu sehen, ob wir auf kürzester Route durch die oft stark mit Eis belegten Sunde wenigstens noch am Eqip-Sermia-Gletscher vorbeischauen könnten. Ja, das sah gut aus.
Aber dann blickte ich auf den Satellitenbildern nebenbei auch noch weiter nach Nordosten — und kaum zu glauben: Die Bildqualität schien gut, und vor den beiden großen Gletschern ganz im Nordosten war erstaunlich wenig Eis zu sehen. Sollte da doch noch eine letzte Chance für diese Saison bestehen? Spontane Absprache mit Kapitän Marc: Sollen wir die Gelegenheit nutzen? Falls die Bedingungen sich doch nicht als so gut erweisen sollten, würde das im schlechtesten Fall ein Umdrehen und einen ziemlichen Umweg bedeuten: mehr Spritverbrauch und vermutlich auch mindestens eine Landung weniger, um rechtzeitig Ilulissat zu erreichen.
Wir wagten es. Und siehe da, die Eisbedingungen waren tatsächlich zumindest akzeptabel, und gleichzeitig klarte das Wetter zunehmend von bedeckt zu sonnig auf. Wieder viele Stunden Zickzack in langsamer Fahrt durchs Eis, aber die Spannung übertrug sich auch auf unsere Gäste: Vorstoß in Neuland!
140 Meter über Wasser, kein Grund unter dem Kiel
Und tatsächlich kamen wir auf ca. 5 Kilometer an die beiden Gletscherfronten heran, die so deutlich zu sehen waren, dass sie angesichts dieser Entfernung hoch aufragen mussten. Per Dreisatz und Radar-Abstandsmessung ermittelten wir für die südliche Front eine größte Höhe der Abbruchfront von 140 Metern über Wasser — und an der Stelle, wo wir stoppten, war der Fjord immer noch so tief, dass unsere beiden Echolote nicht bis zum Boden hinunterreichten, also mehr als 500 Meter Wassertiefe.
Und in der Tat: auf dem Weg hinein und auch hier im inneren Fjord schwammen entsprechende Eisgiganten, wie sie nur in wirklich tiefen Fjorden von einmündenden Gletschern abbrechen können. In einem Bereich mit etwas weniger Eis schalteten wir die Maschine aus, holten einige Deckstühle heraus und genossen mitten im Knistern des Eises die sonnenbeschienene Eiswelt um uns wohl für eine ganze Stunde.
Auf dem Weiterweg passierten wir dann übrigens zusätzlich auch noch in einigem Abstand den Eqip-Sermia-Gletscher — aber der verblasste, kaum beachtet, angesichts der gerade vorher erlebten Dimensionen.
Die drei Anläufe im Überblick
| Anlauf | Kürzeste Distanz zur Front | Grund der Umkehr |
|---|---|---|
| Erster | ca. 20 km | zu viel Eis, Abdrehen nach Westen |
| Zweiter | ca. 10 km | zu schwierig und zu zeitaufwändig; beide Gletscher aber sichtbar |
| Dritter | ca. 5 km | erreicht — Front 140 m hoch, Wassertiefe über 500 m |
Wie man die Höhe einer Gletscherfront ohne Landgang misst
140 Meter sind kein geschätzter Wert. Die Messung funktioniert über zwei Größen, die an Bord ohnehin vorliegen: Das Radar liefert die Entfernung zum Ziel, und der scheinbare Winkel, unter dem die Front im Bild erscheint, lässt sich über eine bekannte Bezugsgröße bestimmen. Aus Entfernung und Winkel folgt die Höhe über einen einfachen Dreisatz. Der Trick besteht darin, den Radarabstand exakt auf denselben Punkt zu beziehen, dessen Höhe man messen will — sonst misst man an einem näheren oder weiter entfernten Teil der Front vorbei.
Zum Vergleich: 140 Meter über Wasser entsprechen etwa der Höhe des Kölner Doms. Rechnet man den Unterwasseranteil hinzu — bei Eis liegen sieben Achtel bis neun Zehntel unter der Oberfläche —, ergibt sich die Größenordnung, um die es bei diesen Fronten geht. Genau das bestätigten auch die Echolote: Sie fanden bei über 500 Metern keinen Grund.
Warum Eisklasse hier nicht weiterhilft
Ein verbreitetes Missverständnis lautet, ein Schiff mit hoher Eisklasse käme überall hin. Für Meereis stimmt das in Grenzen. Für Eisberge stimmt es nicht. Ein Eisberg von mehreren hunderttausend Tonnen ist kein Hindernis, das man durchbricht, sondern ein Körper, der sich jederzeit drehen kann. Dabei schwingt ein Unterwasserausläufer nach oben, der ein Schiff anhebt, oder es lösen sich hausgroße Trümmer. Deshalb halten auch schwere Eisbrecher Abstand — nicht aus Vorsicht, sondern weil Eisklasse gegen diese Art von Gefahr schlicht nicht das richtige Werkzeug ist.
Was stattdessen hilft, ist die Kombination aus einem kleinen, wendigen Schiff, aktuellen Satellitenbildern und der Freiheit, das Programm am Vorabend zu ändern. Genau diese drei Dinge führten zum dritten Anlauf.
Häufige Fragen
Warum kann man den Sermeq Kujalleq nicht mit dem Schiff erreichen?
Vor der Mündung des Kangia-Fjords liegt eine Unterwasserschwelle. Die größten Eisberge bleiben dort hängen, bis sie zerbrochen oder abgetaut sind. Dahinter staut sich das Eis auf rund 60 Kilometern bis zur Gletscherfront. Für Schiffe und Boote ist die Front dadurch praktisch unerreichbar; sie lässt sich nur aus der Luft sehen.
Warum sind die Eisberge am Eqip Sermia kleiner?
Weil der Fjord vor seiner Front weniger als 100 Meter tief ist. Da bei Eis nur ein Zehntel bis ein Achtel über Wasser ragt, braucht es für wirklich große Eisberge eine Gletscherfront, die in mehr als 500 Meter tiefem Wasser endet.
Wie hoch war die gemessene Gletscherfront im Nordosten der Diskobucht?
140 Meter über Wasser an der höchsten Stelle der südlichen Front, ermittelt aus fünf Kilometern Entfernung per Radar-Abstandsmessung und Dreisatz. Die beiden Echolote fanden an der Stelle, an der die CAPE RACE stoppte, bei über 500 Metern keinen Grund.
Wie nah ist die CAPE RACE an diese Gletscher herangekommen?
In drei Anläufen der Saison 2026: zunächst ca. 20 Kilometer, dann ca. 10 Kilometer, im dritten Anlauf ca. 5 Kilometer. Laut AECO-Register war seit Einführung des Registers kein anderes Mitgliedsschiff hier so weit vorgedrungen.
Hilft eine hohe Eisklasse gegen große Eisberge?
Nein. Gegen Meereis hilft sie, gegen Eisberge nicht. Ein großer Eisberg kann sich drehen und dabei mit einem Unterwasserausläufer ein Schiff anheben oder beim Zerbrechen hausgroße Trümmer freisetzen. Auch schwere Eisbrecher halten deshalb Abstand.
Warum gibt es Tafeleisberge fast nur in der Antarktis?
Weil dafür die Gletscherfront nicht mehr auf dem Meeresboden ruhen darf, sondern aufschwimmen und ein Schelfeis bilden muss. Mit dem Rückgang der Gletscher existieren solche Schelfeise in nennenswertem Umfang praktisch nur noch in der Antarktis.
Reisen in die Diskobucht mit der CAPE RACE
Termine mit der MS CAPE RACE in Grönland, zwölf Gäste an Bord:
- Von den großen Gletschern zu den Eisbergen — 13 Tage, ab 10.995 € p. P., nächster Termin 10.07.2027. Die Reise, die Diskobucht und Uummannaq-Fjord verbindet.
- Die Eisberge der Diskobucht — 11 Tage, ab 9.350 € p. P., nächster Termin 13.06.2027
- Der wilde Nordwesten — eine Fotografiereise — 11 Tage, ab 9.650 € p. P., nächster Termin 16.08.2027
Ob eine dieser Annäherungen gelingt, entscheidet in jedem Sommer aufs Neue das Eis. Was sich zusagen lässt, ist die Bereitschaft, es zu versuchen — und ein Schiff, das klein genug ist, um umzudrehen, ohne dass eine Reise daran scheitert.
Weiterlesen: Der Kangia-Fjord und die Gletscher bei Ilulissat — warum Grönlands produktivster Gletscher ausgerechnet der unzugänglichste ist.