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Reiseberichte

Scoresby Sund: wo die Eisberge auf Grund laufen

1. September 2026 · von Leguan Reisen

Im Scoresby Sund gilt eine Geschwindigkeitsbegrenzung von fünf Knoten. Nicht wegen des Eises — zum Schutz der Walpopulationen.

Man merkt es beim Zurückfahren. Als die Gäste der MV Plancius im August 2026 nach einer Zodiac-Ausfahrt bei den Bjørne Øer zum Schiff zurückkehrten, dauerte das vierzig Minuten. Vierzig Minuten, in denen man nichts tun konnte, als die Kulisse anzusehen.

Dieser Text beschreibt, was in diesem Fjordsystem liegt — auf Grundlage des Bordbuchs der Reise PLA10-26, die vom 3. bis 16. August 2026 von Longyearbyen nach Akureyri fuhr.

Zodiac mit Gästen vor einem großen Eisbogen im Scoresby Sund
Zodiac-Ausfahrt im Scoresby Sund. Wegen der Geschwindigkeitsbegrenzung von fünf Knoten dauern die Rückwege lang — was niemanden stört. © Oceanwide Expeditions / Oceanwide Expeditions

Der Eisbergfriedhof

Der Scoresby Sund ist berühmt und berüchtigt für die riesigen Eisberge, die hier auf Grund laufen. Ein solches Gebiet nennt man Eisbergfriedhof oder Eisberggarten.

Der Grund liegt unter Wasser. Nur etwa zehn Prozent eines Eisbergs sind zu sehen; viele der großen reichen hunderte Meter tief und setzen auf dem Meeresboden auf. Dort bleiben sie stehen, bis sie genug abgeschmolzen sind oder große Stücke abbrechen — dann lösen sie sich und treiben weiter.

Auf den Eisschollen dazwischen saßen Küstenseeschwalben. Das Bordbuch hält fest, was man diesen zierlichen Vögeln nicht ansieht: Sie haben die längste Migrationsroute der Welt und legen im arktischen Winter rund 70.000 Kilometer bis in die Antarktis zurück.

Gestein, das die Erdgeschichte erzählt

Nordostgrönland ist für Geologen ein Freiluftmuseum, und man braucht dafür keine Vorbildung.

Im Kaiser-Franz-Joseph-Fjord ragt das Teufelsschloss auf — ein Berg aus farbenprächtigen, geschichteten Felsklippen. Bei Skipperdal am Segelsällskapet-Fjord zeigen die Talwände lebendige Farbstreifen, als hätte jemand mit dem Pinsel gemalt; die Formationen werden dort „die Knochen der Erde" genannt. Die umliegenden Berge bestehen aus uraltem Grundgebirge, geformt durch präglaziale Erosion und vor Jahrmillionen durch tektonische Hebung angehoben.

Farbig gebändertes Gestein in einem Tal in Nordostgrönland
Skipperdal am Segelsällskapet-Fjord: Farbstreifen im Sedimentgestein, im Bordbuch „die Knochen der Erde" genannt. © Gérard Bodineau / Oceanwide Expeditions

Am Roma-Gletscher nahe der Öffnung des Scoresby Sunds stehen dagegen Basaltsäulen — Ergebnis des Paläogen-Vulkanismus in Ostgrönland. Und im Øfjord passiert man eine Felsformation namens Grundtvigskirken, benannt nach einer Kirche in Kopenhagen, der sie ähnelt.

Menschen, die vor tausend Jahren hier lebten

Auf der kleinen Insel Immikkeertikajik gegenüber von Sydkap liegen gut erhaltene Reste eines Thule-Dorfes. Der Name der Insel bedeutet auf Grönländisch „die kleine, abgelegene Insel".

Die Bewohner lebten hier zwischen 1000 und 1600. Ihre Häuser waren etwa einen Meter tief in den Boden gegraben; der Eingang lag tiefer als der Wohnraum, damit die Wärme nicht entwich. Die Dächer entstanden aus Kiefer- und Rippenknochen von Grönlandwalen, darüber kamen Tierhäute und Torf.

Steinreste eines Thule-Winterhauses in der Tundra Nordostgrönlands
Reste eines Thule-Winterhauses. Die Dächer bestanden aus Kiefer- und Rippenknochen von Grönlandwalen, darüber Häute und Torf. © Victoria Salem / Oceanwide Expeditions

Jüngere Spuren gibt es auch. In Myggbukta — norwegisch für „Moskitobucht" — steht der Außenposten einer 1922 gegründeten norwegischen Jagd-, Wetter- und Funkstation, die eine Rolle in den historischen norwegischen Gebietsansprüchen auf Ostgrönland spielte. Bei Kap Humboldt liegen die Reste einer Fallenstellerstation von 1929.

Und der Segelsällskapet-Fjord trägt seinen Namen vom schwedischen Polarforscher Alfred Gabriel Nathorst, der ihn nach der Königlich Schwedischen Segelgesellschaft benannte. Seine Grönland-Expedition von 1899 hatte ein anderes Hauptziel: die Suche nach Überlebenden der verschollenen Ballonexpedition von Salomon August Andrée, die zwei Jahre zuvor aufgebrochen war.

Ittoqqortoormiit

Am Ausgang des Fjordsystems liegt Ittoqqortoormiit, eine der abgelegensten Siedlungen der Welt. Rund 350 Menschen leben dort.

Der Landgang ist kein Museumsbesuch. Das Bordbuch berichtet, dass einige Gäste in ein Haus eingeladen wurden und bei einem Kaffee mit Einheimischen ins Gespräch kamen. Andere besuchten das Museum und die Kirche oder sahen zu, wie die Schlittenhunde gefüttert wurden. Auf den Straßen ergaben sich weitere Begegnungen.

Die bunten Häuser von Ittoqqortoormiit an der Küste Nordostgrönlands
Ittoqqortoormiit, rund 350 Einwohner — eine der abgelegensten Siedlungen der Welt. © Katja Riedel / Oceanwide Expeditions

Was der Fjord an Tieren hergibt

Auf dieser einen Reise: fünf Eisbären — nach Einschätzung einiger Guides ein Rekord für Grönland. Zweimal musste eine geplante Anlandung deshalb abgesagt werden, einmal bei Kap Humboldt und einmal im Antarctic Havn.

Dazu Moschusochsen, darunter zwei ausgewachsene Tiere mit einem Kalb, Schneehasen, Alpenschneehühner mit Küken, ein Hermelin, Sterntaucher, die ihre Küken fütterten. Und beim Verlassen des Scoresby Sunds mehr als fünfzig Buckelwale, die sich gemeinsam auf Nahrungssuche versammelt hatten.

Was in keiner Tierliste steht: Auf den Hängen im Fleming Fjord bewegten sich Hummeln von Blüte zu Blüte. Der arktische Sommer ist kurz, aber er ist keine Leere.

Was Sie an dieser Küste nicht erwarten sollten

Einen festen Ablauf. Zweimal auf dieser Reise entschied ein Eisbär, dass eine Anlandung nicht stattfindet. Das Bordbuch formuliert es so: „Am Ende mag das Expeditionsteam die Pläne machen — doch in der Arktis haben die Tierwelt und die Landschaft immer das letzte Wort."

Und Erreichbarkeit. Nordostgrönland hat keinen Flughafen an der Route, keine Straßen, keine Häfen für große Schiffe. Man fährt die Küste am Stück oder gar nicht.

Diese Fjorde selbst befahren

Die Route gibt es weiterhin: Spitzbergen, Nordostgrönland und Scoresby Sund mit der MV Plancius, vierzehn Tage, mit langen Wanderungen im Programm. Dieselbe Küste fährt Ende August die MS Ortelius.

Wer im September fährt, bekommt etwas dazu, das im August nicht geht: dunkle Nächte. Die Abfahrt „Nordostgrönland Extrem" ist auf Nordlichter und lange Wanderungen ausgelegt. Weitere Routen finden Sie in der Reiseübersicht.

Häufige Fragen zum Scoresby Sund

Wie groß ist der Scoresby Sund?

Er gilt als eines der größten Fjordsysteme der Erde und verzweigt sich über hunderte Kilometer ins Landesinnere. Das Bordbuch nennt ihn schlicht „einen der größten Fjorde Nordost-Grönlands". Seine Nebenarme — Rødefjord, Øfjord, Rypefjord — sind je für sich größer als die meisten Fjorde Norwegens.

Warum gilt im Scoresby Sund eine Geschwindigkeitsbegrenzung?

Fünf Knoten, zum Schutz der örtlichen Walpopulationen. Für Zodiac-Ausfahrten bedeutet das längere Rückwege: Auf PLA10-26 dauerte die Fahrt von den Bjørne Øer zurück zum Schiff vierzig Minuten.

Was ist ein Eisbergfriedhof?

Ein Gebiet, in dem große Eisberge auf Grund gelaufen sind und stehen bleiben. Da nur etwa zehn Prozent eines Eisbergs über Wasser liegen, reichen viele hunderte Meter tief und setzen auf dem Meeresboden auf. Erst wenn sie genug abgeschmolzen sind oder große Stücke abbrechen, treiben sie weiter.

Wer lebt in Ittoqqortoormiit?

Rund 350 Menschen. Der Ort gilt als eine der abgelegensten Siedlungen der Welt. Es gibt ein Museum, eine Kirche und Schlittenhunde; Besucher können bei einem Landgang mit Einheimischen ins Gespräch kommen.

Was ist das Teufelsschloss?

Ein Berg aus farbenprächtigen, geschichteten Felsklippen im Kaiser-Franz-Joseph-Fjord. Die Schichtung macht die Erdgeschichte dieses Küstenabschnitts unmittelbar sichtbar und ist eines der bekanntesten Motive Nordostgrönlands.

Welche Spuren früherer Bewohner sieht man dort?

Reste von Thule-Winterhäusern, deren Bewohner zwischen 1000 und 1600 hier lebten. Die Häuser waren rund einen Meter tief in den Boden gegraben, der Eingang lag tiefer als der Wohnraum, damit die Wärme blieb. Die Dächer entstanden aus Kiefer- und Rippenknochen von Grönlandwalen, darüber Tierhäute und Torf.

Wann ist Nordostgrönland erreichbar?

Im arktischen Sommer, etwa von Juli bis September. Davor steht oft noch Treibeis vor der Küste, das der Ostgrönlandstrom aus dem Arktischen Ozean nach Süden trägt. Im September wird es nachts wieder dunkel genug für Nordlichter.

Grundlage dieses Berichts ist das Bordbuch der Reise PLA10-26 mit der MV Plancius, 3. bis 16. August 2026. Die Fotos stammen aus dem Bildarchiv von Oceanwide Expeditions und zeigen die beschriebene Region — nicht zwingend die geschilderte Abfahrt.

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