Kurz, mittel, lang: wie man den Scoresby Sund zu Fuß erlebt
Am Morgen des 18. August 2026 setzte die MV Plancius eine Handvoll Gäste auf einer Insel namens Taseertit ab und fuhr weiter. Die Gruppe würde den ganzen Tag dort oben verbringen. Kein Weg, keine Hütte, keine Brücke — nur Tundra, Blockschutt und ein Abholpunkt, der noch nicht feststand.
Das ist gemeint, wenn eine Reise „einschließlich langer Wanderungen“ heißt. Und es ist nur eine von drei Antworten, die diese Reise auf die Frage gibt, wie man Ostgrönland zu Fuß erlebt.
Kurz, mittel, lang — und die Ganztagesgruppe
An Bord der Plancius wurde an jedem Landeplatz neu eingeteilt. Nicht einmal für die ganze Reise, sondern jedes Mal: Die Zodiacs setzten alle am Strand ab, die Guides erklärten, was sie jeweils vorhatten, und man konnte das Gelände vor sich liegen sehen, bevor man sich entschied.
Das Bordbuch nennt drei Gruppen: kurz, mittel, lang. Die kurze Gruppe blieb in der Nähe der Landestelle, die mittlere suchte einen Ausgleich zwischen Gehen und Fotografieren, die lange stieg zügig und mit Höhenmetern.
Darüber gab es eine vierte Kategorie, die im Bordbuch mal „ultra long“, mal „extended“ heißt. Diese Gruppe wurde früher abgesetzt, ging den ganzen Tag durch und wurde an einer anderen Stelle der Küste wieder aufgenommen. Wer mitgehen wollte, musste an einem Seetag ein eigenes, verpflichtendes Briefing besuchen — bei Marco und Charlotte, zwei Tage vor der ersten Landung.
Was „lang“ in Zahlen bedeutet
Das Programm für diese Route nennt konkrete Strecken. Vom Landeplatz bei Saakattaakajik zum Sydkap sind es rund zwölf Kilometer. Vom Harefjord über die Tundra zum Rypefjord sind es etwa fünfzehn Kilometer, veranschlagt mit sechs Stunden inklusive Pausen.
Auf dem Papier ist das ein normaler Wandertag. In der Praxis nicht, denn es gibt nichts, worauf man geht. Keine Wege, keine Trittspuren, keine Brücken über die Schmelzwasserbäche. Die Strecke führt über offene Tundra, über Blockfelder, durch Bachbetten und über lose Moräne. Trittsicherheit zählt hier mehr als Kondition.
Am 19. August startete die Ganztagesgruppe im Rype Fjord — einem etwa dreißig Kilometer langen, fünf Kilometer breiten Seitenarm mit steilen Bergwänden und dem kalbenden Eielson-Gletscher an seinem Ende. Die Anlandung an diesem Morgen war schon eine Sache für sich: Der Tidenhub lief ab, vor dem Strand stand kaum noch Wasser, also setzten die Zodiac-Fahrer die Gruppe auf Felsen ab und hielten die Boote mit dem Bug gegen den Stein.
Die langsame Gruppe ist nicht der Trostpreis
Es liegt nahe zu glauben, wer weiter geht, sehe mehr. Das Bordbuch dieser Reise widerlegt das an mehreren Stellen.
Am selben 19. August, im Rype Fjord, sahen zwar alle drei Gruppen Moschusochsen — aber für die langsame Gruppe stellten sich die Tiere auf einem Bergrücken in Position und zogen dort in aller Ruhe hinauf. Die schnelle Gruppe war zu dieser Zeit längst außer Sicht.
Der 20. August am Sydkap und auf der Insel Immikkeertikajik zeigt es noch deutlicher. Während die langen Wanderer fast den höchsten Punkt der Insel erreichten, arbeitete sich die langsame Gruppe durch das, was direkt vor ihr lag:
- Die überwachsenen Reste von Thule-Winterhäusern — quadratisch gesetzte Mauern, vollständig von Gräsern und Zwergweiden bedeckt. Der niedrige Eingang zeigt zum Wasser, der lange Kriechgang ist noch klar zu erkennen.
- Etwas tiefer ein regelmäßiger Steinkreis von einigen Metern Durchmesser: die Beschwerungssteine der Sommerzelte derselben Menschen.
- Eine Weide, die aus einer Felswand wächst, mit einem Stamm so dick, dass sie fünfzig Jahre oder mehr alt sein dürfte — auf einer Pflanze, die selten höher wird als ein Schuh.
- Alpen-Knöterich, Silberwurz und arktische Glockenheide, betrachtet durch die Lupen, die eine der Guides mitführte.
- Eine Gansei-Schale mit glatten, senkrechten Bruchkanten — das Küken war geschlüpft. Daneben eine zweite mit Löchern, deren Größe eher auf ein Hermelin als auf einen Fuchs schließen ließ.
Und beim Aufstieg hörten sie, was sie nicht sehen konnten. Ein Donnern ließ die mittlere Gruppe auf der Stelle erstarren: Unter ihnen brach ein Stück von einem gestrandeten Eisberg ab, das Ungleichgewicht kippte den ganzen Koloss, und er drehte sich, bis er eine neue Lage gefunden hatte. Auf dem weiteren Weg nach oben kam dieses Geräusch immer wieder aus dem Sund herauf, mal nah, mal weit.
Warum eine Wanderung ausfallen kann
Am zweiten Seetag, noch vor der ersten Landung, steht ein Pflichttermin im Programm: das AECO-, Bärensicherheits- und Zodiac-Briefing. AECO ist der Dachverband der Expeditionsveranstalter in der Arktis; seine Regeln bestimmen, wie nah man an Tiere herangeht, wie man sich in einer Siedlung verhält und was man auf keinen Fall mitnimmt.
Wie ernst das ist, zeigte der 22. August in der Vikingebugt. Noch vor dem Frühstück meldete das Expeditionsteam vier Eisbären, die auf der kahlen Gletscher-Moräne ruhten. Während der Zodiac-Fahrt am Vormittag entdeckte ein Guide einen fünften Bären schwimmend vor der Gletscherfront; kurz darauf zog eine Bärin mit zwei Jungen über die obere Moräne, und als die Boote schon zurückfuhren, meldete die Brücke ein weiteres Tier am Basaltgeröll der Westseite.
Für den Nachmittag war eine Anlandung im Nordosten der Bucht geplant. Die Expeditionsleiterin entschied dagegen — schlechte Sicht und zu hohe Wahrscheinlichkeit, an Land auf einen Bären zu treffen. Stattdessen fuhren die Zodiacs bei Regen an den Basaltsäulen von Helgenæs entlang.
Das ist der Normalfall, kein Ausnahmefall. Wer eine Wanderreise in Ostgrönland bucht, bucht ein Angebot an Möglichkeiten, keinen Plan.
Siebzehn Grad, dann sieben
Der Wetterverlauf dieser Reise ist ein Lehrstück für die Packliste. Die ersten drei Grönland-Tage brachten klaren Himmel, Windstille und bis zu siebzehn Grad. Im Harefjord organisierte das Team am Ende der Wanderung einen polar plunge — ein Bad im rund sieben Grad kalten Fjordwasser. Das Bordbuch notiert, viele hätten sich gewünscht, kurze Hosen dabeizuhaben.
Ab dem 21. August drehte es. Wind kam auf, der Himmel zog zu, und am 22. August waren es sieben Grad mit Nieselregen. Das Bordbuch nennt das trocken die „authentischeren“ Bedingungen der Arktis.
Praktisch heißt das: Zwiebelprinzip, eine wirklich dichte Außenschicht, Handschuhe und Mütze auch am Sonnentag — und Wanderschuhe im Rucksack. Die Gummistiefel des Schiffs sind für den nassen Ausstieg da, nicht für fünfzehn Kilometer Blockschutt.
Welche Reisen lange Wanderungen ausschreiben
Nicht jede Ostgrönland-Fahrt führt eine eigene Langwandergruppe. Bei Oceanwide Expeditions sind es derzeit vier Abfahrten, die das ausdrücklich im Programm haben — und sie unterscheiden sich weniger in der Wanderung als in allem drumherum:
- Ostgrönland, Scoresby Sund, einschließlich langer Wanderungen — zehn Tage, ab und bis Akureyri, MS Plancius. Die direkte Fortsetzung der hier geschilderten Fahrt, im September 2027 und damit bereits in der Nordlichtsaison.
- Spitzbergen, Nordostgrönland und Scoresby Sund — vierzehn Tage, von Longyearbyen nach Akureyri. Die lange Fassung mit Spitzbergen davor.
- Dieselbe Route mit der MS Ortelius — vierzehn Tage, wenige Tage später.
- Nordostgrönland Extrem — Aurora Borealis und lange Wanderungen — vierzehn Tage im September, die späteste der vier und die mit den besten Nordlichtchancen.
Die kurze Variante hat einen praktischen Vorteil, der leicht übersehen wird: Sie fängt und endet am selben Ort. Kein Positionswechsel, ein Flug hin, ein Flug zurück, dazwischen zehn Tage. Warum das mehr ausmacht, als es klingt, steht in unserem Beitrag über das Fjordsystem des Scoresby Sunds.
Was am Ende bleibt
Am 23. August stand ein Wechsel auf dem Plan: morgens Anlandung im Rømer Fjord, nachmittags hinüber zum Turner Sound. Die Expeditionsleitung entschied anders. Die Bedingungen im Rømer Fjord waren besser als alles, was sie anderswo hätten finden können — also blieb das Schiff, wo es war, den ganzen Tag.
Die Gruppe ging auf Turner Ø an Land, stand an den kleinen warmen Quellen, die es dort gibt, und stieg über die Basaltsäulen auf, um von oben in den Fjord zu sehen. Am Nachmittag fuhren die Zodiacs langsam die Uferlinie ab. Der Höhepunkt war ein Schneehase, ein besonders großer, auf dem Land neben dem Wasser.
Das Bordbuch schließt den Tag mit einem Satz, der die ganze Reiseform beschreibt: Man hätte den Tag leicht damit verbringen können, einem zweiten Ort hinterherzujagen und dort schlechtere Bedingungen vorzufinden. Stattdessen setzte man auf den Fjord, den man schon hatte.
Häufige Fragen zu Wanderungen in Ostgrönland
Was bedeutet "inklusive langer Wanderungen" bei einer Expeditionskreuzfahrt?
Dass an Bord neben den üblichen kurzen und mittleren Spaziergängen eine eigene Gruppe für längere Touren geführt wird. Diese Gruppe wird meist früher abgesetzt, geht ohne Zwischenrückkehr zum Schiff und wird an einem anderen Punkt der Küste wieder aufgenommen. Auf der Reise PLA11 im August 2026 waren das teils Ganztagestouren mit eigener Verpflegung.
Wie lang sind die langen Wanderungen wirklich?
Für den Scoresby Sund nennt das Programm konkrete Zahlen: rund zwölf Kilometer vom Landeplatz bei Saakattaakajik zum Sydkap und etwa fünfzehn Kilometer über die Tundra vom Harefjord zum Rypefjord, veranschlagt mit sechs Stunden inklusive Pausen. Das ist weniger, als es klingt — und mehr, als es sich anfühlt, weil es keine Wege gibt.
Muss ich mich vor der Reise für eine Gruppe entscheiden?
Nein. Die Einteilung erfolgt an jedem Landeplatz neu. Die Guides erklären am Strand, was sie jeweils vorhaben, und man sieht das Gelände vor sich liegen. Nur für die ganztägigen Touren gibt es ein verpflichtendes Vorabbriefing an einem Seetag, damit alle wissen, worauf sie sich einlassen.
Wie fit muss ich für die lange Gruppe sein?
Sie müssen sechs Stunden am Stück auf unebenem Untergrund gehen können, mit Tagesrucksack, ohne Weg und ohne Möglichkeit abzukürzen. Trittsicherheit zählt mehr als Kondition: Blockschutt, Bachbetten und lose Moräne verlangen Aufmerksamkeit bei jedem Schritt. Wer im Mittelgebirge sechs Stunden mit Auf- und Abstiegen schafft, ist richtig.
Welche Ausrüstung brauche ich für Wanderungen in Ostgrönland?
Gummistiefel für die Anlandung stellt das Schiff. Für die Wanderung selbst sind knöchelhohe, wasserfeste Wanderschuhe nötig — sie werden an Land gewechselt. Dazu Zwiebelprinzip, wind- und wasserdichte Außenschicht, Handschuhe und Mütze auch bei Sonne, Teleskopstöcke und ausreichend Wasser. Auf dieser Reise wurden am selben Tag siebzehn Grad und wenige Tage später sieben Grad mit Nieselregen gemessen.
Gibt es in Ostgrönland Wanderwege?
Nein. Außerhalb von Ittoqqortoormiit gibt es keine markierten Wege, keine Hütten und keine Brücken. Man geht über offene Tundra, Blockfelder, Moränen und durch Bachbetten. Genau das ist der Reiz — und der Grund, warum die Gruppen zusammenbleiben.
Was passiert, wenn ein Eisbär in der Nähe ist?
Dann fällt die Anlandung aus. Am 22. August 2026 sah das Expeditionsteam in der Vikingebugt am frühen Morgen vier Bären auf der Moräne; im Lauf des Vormittags kamen ein schwimmender Bär, eine Bärin mit zwei Jungen und ein weiteres Tier am Geröllhang dazu. Für den Nachmittag entschied die Expeditionsleitung wegen der Bären an Land und der schlechten Sicht auf eine Zodiac-Fahrt statt einer Landung.
Lohnt sich die Reise auch, wenn ich nicht lange wandern will?
Ja. An jedem Landeplatz gibt es die kurze und die mittlere Gruppe, und die sehen keineswegs weniger. Am 19. August posierten die Moschusochsen ausgerechnet für die langsame Gruppe auf einem Bergrücken, während die schnellen längst außer Sicht waren.
Grundlage dieses Berichts ist das Bordbuch der Reise PLA11-26 mit der MV Plancius, 16. bis 25. August 2026, ab und bis Akureyri in den Scoresby Sund. Die Fotos stammen aus dem Bildarchiv von Oceanwide Expeditions und zeigen die beschriebene Region — nicht zwingend die geschilderte Abfahrt. Mehrere Aufnahmen entstanden im Spätsommer bei Neuschnee, während auf dieser Fahrt bis zu siebzehn Grad gemessen wurden.


