Zwölf Gäste, zwei Zodiacs und ein Plan, der sich jeden Morgen ändert — Ostgrönland mit der CAPE RACE

Am Morgen des 14. September gingen zwei Männer an Land, um herauszufinden, wohin man gehen kann.
Die CAPE RACE hatte in der Nacht in einer Bucht geankert, in der sie noch nie gelegen hatte. Sangmileq, Ostgrönland. Keine Beschreibung, kein Weg, keine Erfahrung von früher. Also stiegen Expeditionsleiter Andreas und Guide Bent um halb neun ins Zodiac und sahen nach.
Eine Stunde später kamen sie zurück: Es gehe durch ein kleines Tal, und von oben sehe man einen Gletscherausläufer, der auf einen See zuläuft und kurz davor endet. Wer wollte, kam mit. Wer nicht wollte, blieb an Bord — zwei der Gäste holten eine Angel heraus.
So funktioniert das auf diesem Schiff.
Ein Plan, der sich jeden Morgen ändert
Die CAPE RACE nimmt höchstens zwölf Gäste auf. Das klingt nach einer Komfortzahl, ist aber vor allem eine Betriebsgröße: Alle passen gemeinsam in die beiden Zodiacs. Es gibt keine Gruppenrotation, keine Wartelisten für Landgänge, keine Einteilung in Boot eins und Boot zwei. Wenn das Schiff anlandet, landet es vollständig an.
Und es ändert seine Absichten. Gleich am ersten Abend der zweiten Reisewoche steuerte die CAPE RACE nicht hinaus an die Küste, sondern nach Norden in die inneren Fjorde, weil für draußen schlechtes Wetter gemeldet war. Niemand musste darüber abstimmen. Es stand nicht im Programm. Es war einfach die bessere Entscheidung.
Am 10. September, als es regnete und die Gipfel in den Wolken hingen, verlegte sich das Programm auf zwei Ziele, die keine Fernsicht brauchen — eine verfallene Inuit-Siedlung und ein lebendes Dorf. Am 6. September dauerte eine Zodiac-Fahrt statt zwanzig Minuten eine gute Stunde, weil zwischen den Inseln der falsche Kanal gewählt worden war. Auch das steht im Logbuch, ohne Entschuldigung. Der Rückweg ging schneller.

Das Eis, aus nächster Nähe
Der Gletscher, vor dem das Schiff am Morgen des 3. September lag, hat keinen Namen. Er braucht noch keinen: Vor wenigen Jahrzehnten war dieses Eis nur ein nördlicher Zubringer des Karale-Gletschers. Dann zog sich der Karale zurück, und was übrig blieb, bricht heute mit eigener Front in den Fjord. Mitten darin ragt eine Felsnase aus dem Eis. Dort ging die Gruppe an Land — direkt bis ans Gletschereis, mit seitlichem Blick in die Abbruchkante.
Danach schlängelten sich die beiden Zodiacs zwischen treibenden Eisbergen hindurch, deren Abstufungen von Weiß bis Blau man aus einem Meter Entfernung anders sieht als von Deck.
Zwei Tage später, am Apuseerajik-Gletscher, stieg ein Teil der Gruppe über abgeschliffene Felsen auf einen Sattel, von dem aus man der Gletscherfront von oben zusieht. Für das Schiff war es die erste Landung an dieser Stelle. Wer es gemächlicher wollte, fuhr parallel dazu mit dem Zodiac an die Front heran — beides war möglich, weil zwölf Menschen sich aufteilen können, ohne dass daraus Logistik wird.
Und am 13. September fuhren zwei Boote anderthalb Stunden lang an die Kante des Knud-Rasmussen-Gletschers. Das Logbuch verzeichnet in dieser Zeit zwei Kalbungen.
Einmal, vor Bluie East Two, zerlegte sich am Abend ein Eisberg neben dem Schiff spontan in zwei Teile, während alle an Deck standen. In der Nacht kam die größere Hälfte so nah, dass die Crew ausweichen musste. Am Morgen lag die CAPE RACE fast wieder an derselben Stelle.

Gin, Mimosa und eine Waffelbäckerei auf der Brücke
Vor der Front des Karale-Gletschers begegnete die CAPE RACE einem anderen kleinen Expeditionsschiff, der BALTO, deren Zodiacs mit amerikanischen Gästen längsseits kamen. Jemand hatte Gin an Bord und Zitronen. Bent fischte ein Stück Eis aus dem Fjord, zerkleinerte es im Boot, und dann wurde ausgeschenkt — auf Gletschereis, in dem die eingeschlossene Luft beim Schmelzen leise knistert.
Am 5. September, als der Sermilik-Fjord spiegelglatt lag und sich die Eisberge im Wasser doppelten, rief Serviceleiterin Anni spontan alle aufs Außendeck zu einem Mimosa. Serviert auf Eis, das man zuvor aus dem Fjord an Deck gezogen hatte.
Am selben Tag wurde auf der Brücke die Waffelbäckerei eröffnet. Eine Woche später blieb der Salon mittags geschlossen, weil stattdessen der Salty-Dog-Imbissstand auf der Brücke aufmachte, mit Musik, und Bestellungen von Gästen und Crew gleichermaßen annahm.
Das sind die Dinge, die in keinem Katalog stehen, weil sie sich nicht planen lassen. Sie entstehen, wenn eine Crew klein genug ist, um auf Einfälle zu kommen, und ein Schiff klein genug, um sie umzusetzen.
Bent
In Portusooq, dessen Name ungefähr „hohe Lage" bedeutet, liegen fünf überwachsene Erdhausruinen und ein steinernes Fleischlager. Bent, der grönländische Guide an Bord, erklärte dort die Lebensweise seiner Vorfahren — Fremden aus Europa, stehend auf den Resten der Häuser seiner eigenen Großeltern.
Am Abend desselben Tages lief an Bord ein Spielfilm aus den 1930er Jahren, gedreht von dem dänischen Polarforscher Knud Rasmussen, der das halbnomadische Leben der Ostgrönländer in eine Handlung einbindet und dabei sehr genau dokumentiert. Was am Vormittag Ruine war, bewegte sich am Abend auf der Leinwand.
Eine Woche später erzählte Bent im Salon von Sassuma Arnaa, der Meeresgöttin, die am Grund des Ozeans über die Tiere wacht und ungnädig wird, wenn die Menschen sich danebenbenehmen. Im Anschluss sprach er über den Unterschied zwischen heliozentrischen und anthropozentrischen Weltbildern. Man kann an Bord dieses Schiffes an einem Abend beides bekommen.

Was man findet, wenn man langsam ist
In der Kaporniagarasjiit-Bucht, deren grönländischer Name auf ihren Reichtum an Saiblingen verweist, durchwatete die Gruppe am 6. September den Bach und holte Lupen heraus, um Flechten und Felsstrukturen anzusehen. Die Zwergbirken und Weiden, die hier nicht höher wachsen als ein Knöchel, hatten gerade begonnen, sich herbstlich zu färben.
Auf der Tundra über Portusooq standen Krähenbeeren und vereinzelt Heidelbeeren. Auf der Immikkeertikajik-Insel traf die Gruppe eine Schar Schneehühner, die bereits im langsamen Gefiederwechsel zum Winter waren — ein Vorgang, der Wochen dauert und den man nur sieht, wenn man zur richtigen Zeit am richtigen Ort steht.
Am Abend des 13. September wurden an Bord Planktonproben unter dem Mikroskop untersucht. Was tagsüber im Fjordwasser trieb, in dem die Zodiacs unterwegs waren, lag abends auf dem Objektträger.
Und auf dem offenen Nordatlantik, auf einem kurzen Stück bei ruhiger See, tauchten mehrere Buckel- und Finnwale auf. In einer anderen Woche ein Zwergwal vor Kuummiut, zwei Buckelwale auf der Fahrt nach Ikkatteq. In beiden Logbüchern ist außerdem Nordlicht vermerkt — in der ersten Nacht der einen Reise, und am Abend des 11. September, mehrfach und deutlich, bei klarem Himmel vor Anker.

Orte, an denen vor Ihnen kaum jemand war
Ikkatteq ist ein aufgegebenes Dorf. Einige Häuser liegen verstreut, weil die über die Dächer gespannten Stahlseile den Piteraq-Fallwinden nicht standhielten. Die Kirche aber steht offen, samt angebautem Klassenzimmer, und zwischen den Häusern leben Schneehühner und Gänse.
Wenige Fjorde weiter betrieb die US Air Force von 1942 bis 1947 einen Flugplatz, Bluie East Two, als Zwischenstation für die Verlegung von Maschinen nach Europa. Was nach der Aufgabe nicht abtransportiert oder weiterverwendet wurde, liegt noch dort: Barackenreste, Hangarteile, ausgeschlachtete Trucks, Tausende leerer Spritfässer. Man geht durch dieses Gelände wie durch ein Museum, das niemand eingerichtet hat.
Und in Tasiilaq, mit rund 1.800 Einwohnern der größten Stadt Ostgrönlands, führte Rasmus seine Schlittenhunde vor, verteilte Welpen und erzählte von der Arbeit mit den Tieren — und von seiner Arbeit bei der grönländischen Polizei. Am Abend kam ein einheimischer Chor mit zwei Trommeltänzern an Bord.

Fünf Dorsche
Zurück nach Sangmileq, zu jener Bucht, in der noch nie jemand von diesem Schiff gewesen war. Während ein Teil der Gruppe mit Andreas und Bent die dreistündige Runde durch das Tal ging, blieben die anderen an Bord — und die beiden mit der Angel landeten fünf Dorsche.
Am Abend hatten Kapitän und Crew auf dem Deck ein Barbecue vorbereitet. Es gab Bratwürste, gegrilltes Gemüse und den frisch gefangenen Fisch, dazu Musik. Um vier Uhr war Sauna gewesen; einige waren danach ins kalte Meer gesprungen.
Nichts davon stand am Morgen fest.
Ein Nebenbefund
Noch eine Beobachtung, die in beiden Logbüchern steht und die man nicht übergehen sollte: Am 5. September konnte die CAPE RACE weiter in den inneren Sermilik-Fjord vorstoßen, als es auf früheren Reisen je möglich war. Der Grund steht lapidar daneben — weniger dichtes Eis. Der Apuseerajik-Gletscher, an dessen Front das Schiff ankerte, füllte vor einem halben Jahrhundert noch fast den ganzen Fjordarm aus.
Was die Fahrt möglich macht, ist derselbe Vorgang, der die Küste verändert. Beide Sätze stehen in denselben Logbüchern, und keiner hebt den anderen auf.

Zum Schluss eine Zahl
Auf einer der beiden Reisen waren ausschließlich Gäste an Bord, die schon einmal mit der CAPE RACE unterwegs gewesen waren. Nicht einer war zum ersten Mal da.
Der Expeditionsleiter erwähnte es bei seiner Abendansprache beiläufig und sagte, dies sei lediglich vorläufig die letzte Ansprache — man werde ja vermutlich irgendwann wieder zusammen unterwegs sein.
Grundlage dieses Beitrags sind die Bordlogbücher der CAPE RACE zu den Reisen vom 2. bis 9. und vom 9. bis 16. September 2026, verfasst an Bord von Expeditionsleiter Andreas und Guide Bent. Fotos: Andreas Umbreit.
Von der Leguan-Redaktion
Ostgrönland mit einem kleinen Schiff — die häufigsten Fragen
Wie viele Gäste sind auf der CAPE RACE an Bord?
Höchstens zwölf. Alle passen gemeinsam in die beiden Zodiacs; eine Gruppenrotation bei Landgängen gibt es nicht.
Steht das Programm einer Ostgrönlandreise vorher fest?
Nein. Die Logbücher zeigen, dass Route und Ziele laufend an Wetter und Eis angepasst werden. Am 14. September 2026 ging die Expeditionsleitung vor dem Frühstück an Land, um in einer Bucht, in der das Schiff noch nie geankert hatte, überhaupt erst einen Weg zu finden.
Wie warm ist es in Ostgrönland im September?
Die Bordlogbücher notieren für Anfang September Werte zwischen 5 und 10 °C, für die zweite Monatshälfte zwischen 2 und 10 °C. Das Wetter war in der zweiten Woche nicht schlechter, nur kälter — an fünf von acht Tagen Sonne und Windstille.
Sieht man im September in Ostgrönland Nordlicht?
In beiden ausgewerteten Logbüchern ist Nordlicht vermerkt: in einer Nacht zu Beginn der ersten Reise und am Abend des 11. September mehrfach und deutlich bei klarem Himmel. Eine Garantie ist das nicht.
Welche Tiere kann man dort im September beobachten?
Die Logbücher nennen Buckelwale, Finnwale und einen Zwergwal, dazu Schneehühner im Gefiederwechsel zum Winter, Gänse und Raben. Auf der Tundra standen Krähenbeeren und vereinzelt Heidelbeeren.
Was ist Bluie East Two?
Ein Flugplatz der US Air Force in Ostgrönland, betrieben von 1942 bis 1947 als Zwischenstation für die Verlegung von Flugzeugen nach Europa. Erhalten sind Barackenreste, Hangarteile, ausgeschlachtete Fahrzeuge und Tausende leerer Treibstofffässer.
Warum hat der Gletscher am Karale keinen Namen?
Weil er zu jung ist. Vor wenigen Jahrzehnten war dieses Eis nur ein nördlicher Zubringer des Karale-Gletschers. Nachdem dessen Front sich zurückgezogen hat, bricht der ehemalige Seitenarm heute mit einer eigenen Front in den Fjord.
Wie kommt man nach Ostgrönland?
Beide Reisen begannen und endeten am Flughafen Kulusuk, angeflogen mit einer Turboprop-Maschine von Icelandair ab Keflavík. Vom Flughafen geht es per Quad die 600 Meter Schotterpiste hinunter ins Dorf und von dort mit dem Zodiac an Bord.