Westgrönland im Juni: von Nuuk nach Ilulissat mit der MS Cape Race
Acht Tage, fünf Breitengrade, ein überquerter Polarkreis: Vom 12. bis 19. Juni 2026 fuhr die MS Cape Race mit zwölf Gästen von Nuuk nach Ilulissat. Das Bordlogbuch hält für jeden Tag Position, Temperatur und Wetter fest — und damit etwas, das in keinem Katalog steht: wie eine Westgrönland-Reise im Juni tatsächlich verläuft. Hier ist sie, Tag für Tag, ohne Beschönigung.
Wie ist das Wetter in Westgrönland im Juni?
Diese Woche brachte 3 bis 12 °C — gemessen jeweils um 08:00 Uhr an Bord. Das ist keine Spannweite über die Saison, sondern über acht aufeinanderfolgende Tage:
| Tag | Ort | Position 08:00 | Wetter |
|---|---|---|---|
| 12.6. | Nuuk | 64° 10,5' N | 3 °C, bewölkt, windig |
| 13.6. | Tasiusaq / Sermilinnguaq | 65° 33,3' N | 3 °C, morgens neblig, später sonnig |
| 14.6. | Kangerlussuatsiaq | 65° 58,4' N | 12 °C, sonnig, wenig Wind |
| 15.6. | Nipisat / Assaqutaq | 66° 43,6' N | 8 °C, sonnig, wenig Wind |
| 16.6. | Aasiaat / Imerissoq | 68° 39,1' N | 10 °C, sonnig |
| 17.6. | Paakitsoq | 69° 10,7' N | 10 °C, sonnig |
| 18.6. | Eisfjord Ilulissat | 69° 27,3' N | 7 °C, bewölkt, leichter Regen |
| 19.6. | Ilulissat | 69° 13,7' N | 7 °C, bewölkt |
Bemerkenswert ist weniger der Höchstwert als die Streuung innerhalb einer Woche: 3 °C mit Wind in Nuuk, zwei Tage später 12 °C und Sonne am Gletscher, am Ende Regen im Eisfjord. Wer nach dem Durchschnitt packt, packt für keinen einzigen dieser Tage richtig. Das Schichtprinzip ist in Grönland kein Ratgeber-Klischee, sondern die einzige Methode, die funktioniert.
Und: Fünf von acht Tagen waren sonnig. Der Juni gehört in Westgrönland zu den trockeneren Monaten — das Licht hält bis in die Nacht, und die Mücken der Hochsommerwochen sind an der Küste noch kein Thema.
Welche Route fährt man von Nuuk nach Ilulissat?
Von 64° Nord auf 69° Nord, immer an der Westküste entlang. Das sind gut fünf Breitengrade oder rund 600 Kilometer Luftlinie — auf dem Wasser deutlich mehr, weil die Route in die Fjorde hineinführt, statt sie zu umfahren. Genau darin liegt der Unterschied zu einer Linienfahrt: Die Etappen sind kurz, die Zeit steckt in den Buchten.
Vier Landschaftsräume liegen auf dieser Strecke, und sie unterscheiden sich deutlicher, als die Karte vermuten lässt:
- Die Fjorde südlich des Polarkreises — steil, mit Gletscherfronten am Talschluss. Hier liegt der Ewigkeitsfjord.
- Der Polarkreis selbst, überquert am vierten Tag auf Höhe von Nipisat.
- Die Inselwelt um Aasiaat — flach, weit, ein Labyrinth aus Inseln und verlassenen Siedlungen.
- Die Diskobucht mit dem Eisfjord von Ilulissat als Abschluss.
Tag 1 — Nuuk: 3 °C und Wellengang
Die Reise begann in Nuuk mit dem Üblichen: Begrüßung, Kabinen beziehen, Einweisung zu Sicherheit und Abläufen. 3 °C, bewölkt, windig. Am Abend nahm das Schiff Kurs nach Norden.
Das Logbuch verschweigt nicht, was dann kam: „Die ersten Stunden auf See brachten spürbaren Wellengang mit sich. Während einige die Fahrt entspannt genossen, mussten sich andere erst an das ständige Schaukeln gewöhnen." Das ist ehrlicher als die meisten Reiseberichte. Die erste Nacht auf offener See ist auf einem Schiff dieser Größe eine Umstellung — sie dauert selten länger als eine Nacht, aber sie findet statt.
Tag 2 — Tasiusaq und Sermilinnguaq: Nebel, Geröll und der erste Buckelwal
Vor dem ersten Landgang standen Zodiac-Training und Sicherheitseinweisung. Dann die Wanderung zum Tasiusaq-See, die Trittsicherheit auf steilem Geröll verlangte; eine knifflige Wasserquerung kostete „etwas Zeit und Geduld". Belohnt wurde die Gruppe mit einer Nebelstimmung, die das Logbuch mystisch nennt.
Am Nachmittag: gestrandete Eisblöcke am Ufer und der Aufstieg auf einen Bergrücken mit Blick auf den Gletscher Sermilinnguaq. Auf dem Rückweg zwang die rasch einsetzende Flut zu einer Routenänderung — ein Detail, das mehr über Expeditionsreisen sagt als jede Broschüre. Die Gezeiten verändern das Ufer binnen einer Stunde; wer trockenen Fußes hinkam, kommt nicht zwingend trockenen Fußes zurück.
Anschließend ging es bei Sonnenschein weiter in den Ewigkeitsfjord. Beobachtet wurden an diesem Tag Schneehühner, Fuchsspuren, zahlreiche Seevögel — und der erste Buckelwal der Reise.
Tag 3 — Der Tateraat-Gletscher: für viele die erste Wanderung auf Eis
12 °C, sonnig, wenig Wind — der wärmste Tag der Woche. Der Vormittag bot zwei Wanderoptionen entlang der Gletscherfront: die flache Küstenebene oder ein Bergrücken mit Ausblick über Tal und Eislandschaft. Tiefe, weiche Schneefelder machten die obere Route anspruchsvoll. Ein Schneehase zeigte sich in näherer Entfernung.
Nach einer Mittagspause mit Sauna und Sonne folgte das, was das Logbuch als Tageshöhepunkt notiert: die Begehung des Tateraat-Gletschers. „Für viele war es die erste Wanderung auf echtem Gletschereis. Dank geringer Spaltengefahr und guter Trittsicherheit wurde daraus ein unvergessliches Erlebnis."
Beide Bedingungen stehen ausdrücklich im Text, und das ist kein Zufall. Eine Gletscherbegehung ist keine Programmzusage, sondern eine Entscheidung vor Ort — abhängig vom Zustand des Eises an genau diesem Tag und von der Gruppe, die davorsteht.
Tag 4 — Über den Polarkreis, nach Nipisat und Assaqutaq
An diesem Tag überquerte die Cape Race den Polarkreis bei 66° 33' Nord. Nördlich davon geht die Sonne im Juni nicht mehr unter — der Grund, warum die Abende auf dieser Reise ab hier kein Ende mehr hatten.
Die Insel Nipisat gehört zum UNESCO-Welterbe. Die Gruppe begegnete dort Spuren der Paleo-Eskimo- und der Thule-Kultur sowie Relikten aus der Kolonialzeit. Zwischen farbenfroher Tundravegetation führen neu markierte Wege zu den archäologischen Fundstätten. Das ist die kürzeste Form, in der sich mehrere Jahrtausende Besiedlungsgeschichte an einem Vormittag begehen lassen.
Am Nachmittag Assaqutaq, eine verlassene Siedlung. Eine wackelige Hängebrücke und ein steiler Aufstieg über Eisenstufen markierten den Beginn der Wanderung zu den alten Siedlungsresten. Während der Weiterfahrt nach Norden: ein Polarfuchs und eine Gruppe Sattelrobben.
Tag 5 — Aasiaat und die verlassene Insel Imerissoq
Aasiaat ist die fünftgrößte Stadt Grönlands und liegt am Südeingang der Diskobucht. Im Kulturhaus hängen Originalwerke des dänischen Künstlers Per Kirkeby — eine Begegnung, mit der auf 68° Nord kaum jemand rechnet. Einige gingen zu einem nahegelegenen See, danach blieb Zeit, die Stadt auf eigene Faust zu erkunden.
Später führte die Reise in die Diskobucht zur verlassenen Insel Imerissoq. Zwischen verfallenen Häusern erkundete die Gruppe individuell die Spuren dieses ehemaligen Fischerdorfs. Solche Orte sind in Westgrönland keine Kuriosität, sondern Folge der Siedlungspolitik des 20. Jahrhunderts: Kleine Fischerdörfer wurden zugunsten größerer Orte aufgegeben. Was blieb, sind Häuser mit offenen Türen.
Am Abend lag die Cape Race vor Anker. Sauna, frische Seeluft und Cocktails mit echtem Gletschereis — das Eis treibt ohnehin ums Schiff, ist Jahrtausende alt und knistert im Glas, weil eingeschlossene Luft entweicht.
Tag 6 — Paakitsoq: Plankton, Inlandeis und Wale in der Nacht
Der Vormittag stand im Zeichen der Wissenschaft. Gemeinsam entnahm die Gruppe Wasserproben für Planktonuntersuchungen und fand darin „sehr viel Leben, sowohl Zoo- als auch Phytoplankton". Das ist keine Beschäftigungstherapie: Planktondichte ist der Grund, warum in diesen Buchten überhaupt Wale stehen.
Nach dem Mittagessen Anlandung in der Bucht von Paakitsoq. Wer wollte, blieb an Bord; wer wollte, wanderte zu einem Aussichtspunkt, von dem der Blick über die Küstenlandschaft bis zum Inlandeis reichte. Auch an diesem Tag lief die Sauna.
Die Nacht lieferte den Beleg zur Planktonprobe vom Morgen: Während das Schiff vor Anker lag, begleiteten Buckelwale und „riesige Schwärme von Lodden" die Cape Race. Lodden — Capelin — sind ein Schlüsselglied der Nahrungskette Westgrönlands. Wo sie stehen, stehen die Wale.
Tag 7 — Der Eisfjord von Ilulissat
7 °C, bewölkt, leichter Regen. Die Fahrt durch den Ilulissat Kangerlua führte vorbei an gewaltigen Eisbergen und endlosen Eisfeldern. Das Logbuch notiert trocken, das Deck sei trotz des Wetters der beste Platz gewesen — was jeder unterschreibt, der dort einmal gestanden hat.
Der Eisfjord gehört seit 2004 zum UNESCO-Welterbe. Gespeist wird er vom Sermeq Kujalleq, einem der produktivsten Gletscher außerhalb der Antarktis. Die Eisberge, die hier auf Grund liegen, stammen aus dem Inlandeis und sind so groß, dass sie die Fjordmündung blockieren, bis Wind und Strömung sie freigeben.
Der Landgang führte entlang des World-Heritage-Trails. Dichte Nebelschwaden verhinderten allerdings den Blick auf den berühmten Eisfjord — sie „verliehen der Landschaft aber eine besondere Atmosphäre". Auch das gehört zu einem ehrlichen Reisebericht: Der bekannteste Ausblick Grönlands war an diesem Tag nicht zu sehen. Am Abend kamen Sonnenschein und riesige Eisberge zurück, dazu eine Maschinenraumführung.
Tag 8 — Ilulissat: Abschied
Früh am Morgen endete die Reise. Nach dem Frühstück gingen Gepäck und Teilnehmer zum Flughafen von Ilulissat. Das Logbuch bilanziert: „Die Kombination aus rauer Natur, arktischer Stille und außergewöhnlichen Begegnungen machte diese Expedition zu einem unvergesslichen Erlebnis."
Welche Tiere sieht man in Westgrönland im Juni?
Diese Woche standen im Logbuch: Buckelwale (erstmals am zweiten Tag, dann nachts bei Paakitsoq), ein Polarfuchs, eine Gruppe Sattelrobben, ein Schneehase, Schneehühner, Fuchsspuren, zahlreiche Seevögel und riesige Loddenschwärme.
Was nicht im Logbuch steht, ist ebenso aussagekräftig: keine Eisbären. Die Westküste auf dieser Route ist kein Eisbärengebiet — wer Eisbären sucht, ist in Ostgrönland oder auf Spitzbergen richtig. Und die Buckelwale wurden gesichtet, nicht in Sprüngen; springende Wale sind ein Glücksfall, kein Programmpunkt. Wer mit dieser Erwartung anreist, wird enttäuscht, obwohl die Reise geliefert hat.
Wann ist die beste Reisezeit für eine Grönland-Kreuzfahrt?
Für Westgrönland liegt das Fenster zwischen Juni und September, und die Monate unterscheiden sich deutlich:
- Juni — noch viel Eis, Helligkeit rund um die Uhr, wenige Mücken, Temperaturen wie in dieser Woche zwischen 3 und 12 °C. Die Tundra beginnt gerade erst zu blühen.
- Juli/August — wärmer, mehr Vegetation, gute Wal-Wahrscheinlichkeit, aber auch mehr Besucher in Ilulissat und Mücken abseits der Küste.
- September — erste Nordlichter, herbstlich gefärbte Tundra, kürzere Tage, wechselhafteres Wetter.
Diese Reise fiel in die zweite Junihälfte und hat davon profitiert: fünf sonnige Tage, treibendes Eis in der Diskobucht und eine Gletscherbegehung, die später im Jahr so nicht ohne Weiteres möglich ist.
Weiterlesen
- Die Diskobucht im Juni — der Bericht von Andreas Umbreit aus dem gleichen Seegebiet
- Saisonstart in Grönland — wie sich die ersten Wochen der Saison von dieser hier unterscheiden
- Die MS Cape Race — Schiffsdaten, Kabinen und alle Abfahrten
- Alle Grönland-Reisen — Routen, Termine und Preise im Überblick
Welche Route zu Ihnen passt, hängt von mehr ab als vom Termin — sprechen Sie uns an, wir waren selbst dort.
Grundlage dieses Beitrags ist das Bordlogbuch der MS Cape Race zur Reise MARE 07-26 vom 12. bis 19. Juni 2026. Kapitän: Marc Weisssteiner. Expeditionsleitung: Andreas Umbreit. Guide und Text des Logbuchs: Monika Hiller. Fotos: Monika Hiller und Andreas Umbreit. Alle Positionen, Temperaturen und Beobachtungen stammen aus diesem Logbuch.