Zehn Tage Scoresbysund: das Logbuch der MS Ortelius
Der Scoresbysund an Grönlands Ostküste ist das größte Fjordsystem der Erde. Wer hierherkommt, erreicht keinen Hafen, sondern fährt tagelang in ein Labyrinth aus Armen, Inseln und Gletscherzungen hinein.
Dies ist das Bordlogbuch der MS Ortelius vom Spätsommer 2025 — zehn Tage ab Akureyri, geführt von der Expeditionsleitung. Wir haben nichts hinzugefügt und nichts geglättet.
Tag 2 — Die Dänemarkstraße, ein Tag ohne Land
Wind NE 6 · teils bewölkt · +4,9 °C
In der Nacht hat die Ortelius den Polarkreis überquert, auf Höhe von Grimsey, einer kleinen Insel vor Islands Nordküste, die an Steuerbord vorbeizog. Kurz nach sieben Uhr morgens erreicht das Schiff grönländische Gewässer. Der Seegang schaukelt seit den frühen Stunden — eine Erinnerung daran, dass die Reise begonnen hat.
Zwischen Island und Grönland liegt offenes Meer, und es gibt keinen anderen Weg dorthin. Wer den Scoresbysund sehen will, nimmt diese Passage zweimal.
Tag 3 — Sechseckige Säulen aus erkalteter Lava
Wind variabel 2 · See ruhig · +5,5 °C
Die erste Zodiac-Fahrt führt in die Vikingebugt, die größte einer Reihe kleiner Buchten im äußeren Teil des Fjordsystems und, wie das Logbuch vermerkt, ein Lieblingsplatz der Guides. Am Ufer ragt Säulenbasalt auf: sechseckige Gesteinssäulen, entstanden, als Lava tief unter der Erde langsam abkühlte und beim Schrumpfen in regelmäßige Formen brach. Sie sehen so gleichmäßig aus, dass man sie für gebaut halten könnte.
Zwischen den Formationen fliegen Schneeammern umher — im Logbuch steht: wie Schmetterlinge. Und an den Felsen wächst eine überraschende Zahl von Pflanzenarten.
Tag 4 — Der Eisbär, der die Anlandung verhinderte
Wind variabel 2 · See ruhig · +7,3 °C
Der Morgen beginnt in unheimlichem Nebel. Eisberge treiben lautlos vorbei, Bergflanken tauchen für Momente auf und verschwinden wieder. Weil die Sicht im Norden zu schlecht ist, verlegt das Schiff auf die Südseite der Bäreninseln, wo die Wolkendecke steigt.
Als das Expeditionsteam die Südküste von Pooqattaq erkundet, der westlichsten Insel der Gruppe, steht dort ein Eisbär.
Und damit ist die Anlandung gestrichen. Expeditionsleiter Claudio hatte es vorher angekündigt: Man bewegt sich von Plan A über Plan B nun zu Plan C — wo ein Eisbär ist, geht niemand an Land. Stattdessen laufen die Zodiacs aus, zwischen die mächtigen Eisberge, die sich in den Untiefen rund um die Inseln festgefahren haben. Viele erhaschen von dort aus einen Blick auf den Bären.
Der Eisbär, den alle sehen wollen, ist derselbe, der den Landgang unmöglich macht.
Die Ganztageswanderer sind da längst weiter nördlich unterwegs. Als Gruppe von neunzehn erkunden sie Taseertit, essen an Land zu Mittag, und als der Nebel von den unteren Hängen weicht, stehen nur noch die hohen Gipfel des Øfjords in den Wolken. Sie finden Moschusochsen, einen Schneehasen, Schneehühner und einen Polarfuchs — und bei einer kurzen Rast am Gipfel entdeckt Sarah eine Schnee-Eule. Das Logbuch hält fest, dass Simon hinreichend neidisch war.
Am Nachmittag geht es doch noch an Land, auf einer anderen Insel: über weiche Moostundra, zwischen gletschergeglätteten Felsen, durch sumpfigen Strukturboden. Die meisten Gruppen sehen Moschusochsen, viele davon mit Jungtieren. Der Himmel reißt auf, und am Abend gleitet das Schiff durch stilles Wasser in goldenem Licht.
Ein Detail am Rande, das zeigt, wie weit diese Reisen gehen: Auch getaucht wurde an diesem Tag. Position 71°00,764′ N / 025°29,920′ W, Wassertemperatur zwischen 0 und 9 Grad.
Tag 6 — Die Schwarze Insel und ein Sprung ins Eiswasser
Wind variabel 1 · See ruhig · +5 °C
Der Morgen bringt Wolken, Nebel und gleichmäßigen Nieselregen — was niemanden davon abhält, an Land zu gehen. Sorte Ø, die Schwarze Insel, liegt tief im Scoresbysund; oft versperren treibende Eisblöcke die Bucht, sodass Schiffe gar nicht erst hierher kommen.
Die Insel zeigt, was diese Region geologisch ausmacht: steile Felswände auf der einen Seite, sanfte Grashänge auf der anderen, geformt von alten Gletschern. Die Langstreckengruppe steigt mit Beth, Chloe und Rao drei Stunden lang auf. Es regnet, aber es ist warm — an jedem Aussichtspunkt wird eine Schicht abgelegt. Und für die Mutigen steht am Ende ein Polar Plunge auf dem Programm, der Sprung ins arktische Wasser; Handtücher stellt das Schiff.
Tag 8 — Der Ort, den niemand betreten durfte
Wind NNE 7 · Regen · +3 °C
Am Morgen liegt Ittoqqortoormiit vor dem Schiff — die einzige dauerhafte Siedlung an Grönlands gesamter Ostküste, rund 350 Menschen, gegründet 1925, über 500 Kilometer bis zum nächsten Nachbarort. Vom Schiff aus sind die bunten Holzhäuser zu sehen, die den Hang hinaufsteigen, die Kirche, die Wetterstation, ein paar Schlitten.
Doch der Wind böt mit fünfundvierzig Knoten, und der Schwell an der Landestelle und an der Gangway ist zu hoch, um Menschen sicher überzusetzen. Claudio und sein Team treffen die schwere Entscheidung, den Landgang abzusagen. Das Schiff bleibt zwei Stunden liegen und beobachtet die Bedingungen — sie werden schlechter. Vor dem Scoresbysund steht ein Sturm.
Vor dem Mittagessen hält Claudio stattdessen einen Vortrag über seine Arbeit in Westgrönland. Man isst noch im Schutz des Fjords. Dann werden die Sachen verstaut, die Tabletten gegen Seekrankheit genommen, und über die Bordlautsprecher kommt die Ankündigung: Zeit, sich in die Kabine zu verkriechen oder mit einem Buch in die Bar — es geht in fünf bis sechs Meter hohe Wellen.
Wer nicht seekrank wird, sieht den Sturm von der Brücke aus. Das Logbuch nennt die riesigen Wellen und die Gischt fesselnd, und dazwischen segeln Eissturmvögel, die den Aufwind der Wellenberge sichtlich genießen.
Abends dann, mitten im Seegang, das Gegenteil von Drama: Beth erzählt beim Rückblick von den Überresten der Thule-Kultur, die die Ganztageswanderer am Vortag gefunden hatten. Jess beantwortet Fragen zum Insektenleben Grönlands und lässt die Gäste in einem Hörquiz arktische Tierstimmen erraten. Zum Abendessen gibt es Buffet, weil das bei dem Seegang die sicherste Lösung ist — und man schafft es gerade so, auf den Stühlen zu bleiben. Danach richtet Claudio einen Filmabend in der Bar ein, eine Folge der BBC-Reihe Oceans. Die Kombüse organisiert Popcorn.
Fünf bis sechs Meter Wellen draußen, Popcorn und ein Naturfilm drinnen. Das ist Expeditionsreise.
Was dieses Logbuch über eine Grönland-Reise verrät
Zweimal ging der Plan an diesen zehn Tagen nicht auf. Einmal, weil ein Eisbär genau dort stand, wo angelandet werden sollte. Einmal, weil ein Sturm die einzige Siedlung der Ostküste unerreichbar machte, obwohl sie zum Greifen nah vor dem Schiff lag.
Beide Male entstand daraus etwas anderes: eine Zodiac-Fahrt zwischen gestrandeten Eisbergen mit Blick auf den Bären — und ein Abend, an dem eine Schiffsgesellschaft im Sturm zusammensaß und Tierstimmen erriet.
Wer eine Expedition in den Scoresbysund bucht, bucht eine Absicht, keine Zusage. Das ist kein Mangel, sondern das Wesen dieser Reisen. Der Unterschied zu einer Kreuzfahrt mit festem Hafenplan liegt genau hier — und wer ihn kennt, reist entspannter.
Häufige Fragen zu einer Scoresbysund-Reise
Wo liegt der Scoresbysund und wie kommt man hin?
An der Ostküste Grönlands; es ist das größte Fjordsystem der Erde. Erreicht wird er per Schiff, meist ab Akureyri im Norden Islands bei 65°40′ Nord. Dazwischen liegt die Dänemarkstraße, für die ein voller Seetag über offenes Wasser eingeplant wird — hin wie zurück. Unterwegs überqueren die Schiffe den Polarkreis auf Höhe der isländischen Insel Grimsey. Einen Linienflug in die Region gibt es nicht.
Wie lange dauert eine Scoresbysund-Reise?
Zehn Tage von Akureyri nach Akureyri, so steht es im Logbuch der MS Ortelius: Einschiffung am 30. August 2025, Ausschiffung am 8. September. Zwei Tage entfallen auf die Überfahrt durch die Dänemarkstraße, sodass rund sechs Tage für das Fjordsystem bleiben. Der nördlichste Punkt dieser Reise lag bei Sydkap auf 71°17,4′ Nord.
Wie warm ist es im Scoresbysund im September?
Wärmer, als die meisten erwarten. Die Logbuchwerte lagen an den Expeditionstagen im Fjord zwischen +5 °C und +7,3 °C, bei +3 °C an einem Regentag vor Ittoqqortoormiit und bei +10,8 °C in Akureyri. Entscheidend ist der Wind: Am selben Regentag erreichten die Böen 45 Knoten, und im Anschluss stand das Schiff in fünf bis sechs Meter hohen Wellen.
Sieht man im Scoresbysund Eisbären?
Möglich, aber weniger verlässlich als in Spitzbergen. Im Logbuch dieser Reise ist eine Sichtung verzeichnet: Am 2. September stand ein Eisbär an der Südküste von Pooqattaq, der westlichsten der Bäreninseln. Bemerkenswert ist die Folge — die geplante Anlandung wurde deshalb abgesagt, weil sich niemand dort an Land begibt, wo ein Bär ist. Stattdessen gab es eine Zodiac-Fahrt, von der aus viele Gäste ihn sahen.
Welche Tiere sieht man in Ostgrönland?
Das Logbuch dieser Reise nennt Moschusochsen, viele davon mit Jungtieren, einen Polarfuchs, einen Schneehasen, Schneehühner, Schneeammern und einen Eisbären. Der seltenste Fund war eine Schnee-Eule, entdeckt bei einer Rast auf einem Gipfel der Bäreninseln. Auf See begleiteten Eissturmvögel das Schiff, die im Aufwind der Sturmwellen segelten. Die Wildtierdichte ist in Ostgrönland deutlich geringer als in Spitzbergen.
Kann man Ittoqqortoormiit besuchen?
Es ist auf nahezu jeder Scoresbysund-Reise vorgesehen, gelingt aber nicht immer. Die Siedlung ist die einzige dauerhafte an Grönlands Ostküste, zählt rund 350 Einwohner, wurde 1925 gegründet und liegt über 500 Kilometer vom nächsten Nachbarort entfernt; sie gilt als Tor zum Nordost-Grönland-Nationalpark. Bei dieser Reise musste der Landgang abgesagt werden: Böen bis 45 Knoten und zu hoher Seegang an der Gangway machten ein sicheres Übersetzen unmöglich.
Welche Aktivitäten werden an Bord angeboten?
Das Logbuch nennt für fast jeden Tag lange, mittlere und kurze Wandergruppen sowie eine Tauchgruppe mit Trockenanzügen — die Wassertemperaturen lagen zwischen 0 und 9 °C. An mehreren Tagen gab es zusätzlich eine Ganztageswanderung, bei der die Gruppe eine Landzunge quert und das Schiff andernorts wieder trifft. Dazu Zodiac-Fahrten entlang Basaltformationen und Eisbergen, bei Sorte Ø ein Polar Plunge, und an Seetagen Vorträge der Expeditionsleitung.
Alle Angaben stammen aus dem Bordlogbuch der MS Ortelius, Scoresby Sund, 30. August bis 8. September 2025, geführt von der Expeditionsleitung. Positionen, Wetterdaten, Namen und Sichtungen sind unverändert übernommen; ergänzt wurden ausschließlich Erläuterungen zu Fachbegriffen.
Wo Sie diese Route mit uns fahren können
Dieses Logbuch beschreibt eine konkrete Fahrt. Vergleichbare Routen finden Sie hier:
- Ostgrönland – Der Scoresbysund und die einsame Ostküste – die Region dieses Logbuchs.
- Grönland – alle Reisen – Der Überblick über West-, Ost- und Südgrönland.
- Spitzbergen – Der Startpunkt vieler Ostgrönland-Routen.
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